Chaos nach der Flutwelle

"Wie im Krieg": THW-Helfer aus Forchheim im Hochwassergebiet

22.7.2021, 09:09 Uhr
Nach der Flutwelle bliebt die Verwüstung in Stolberg. 

Nach der Flutwelle bliebt die Verwüstung in Stolberg.  © Marius Becker, dpa

Gänsehaut: Mehrmals überrollt sie die Haut. Ein Schaudern durchzieht einen. Die Härchen stellen sich auf bei dem, was Markus Grüner am Telefon berichtet. Er ist zusammen mit acht weiteren THW-Kollegen aus Forchheim und Schweinfurt in Stolberg im Einsatz.

Die Stadt mit ihren rund 56.000 Einwohnern bei Aachen in NRW war ein idyllischer Fleckchen Erde. Die Altstadt, ein Traum aus Klinkerfassaden und Fachwerk, harmonischen Pflasterwegen, erfrischendem Grün an vielen Ecken. Die Idylle perfekt macht der Vichtbach, der sich durch die Stadt schlängelt. Vom Traum bleiben nach der Flutwelle nur ein Albtraum, Chaos, zerstörte Existenzen.

Kaffee ist ein Luxus im Katastrophengebiet

"Die Flutwelle hat Autos wie Tennisbälle wegbewegt. Sie sind vier Kilometer weiter zum Liegen gekommen, nachdem die Welle durch war", schildert Markus Grüner der Redaktion in einem Telefonat. "Die Leute haben keinen Strom, kein wirklich fließendes Wasser. Mit dem, was aus der Leitung kommt, kann man noch duschen, aber zum Trinken? Keine Chance."

Es fehlt den Menschen am Elementarsten. "Die Bevölkerung kommt auf uns Einsatzkräfte zu. Fragt, ob sie Sprit haben können. Strom, um mal das Handy aufladen zu können oder um Wasser für einen Kaffee zu kochen." Andernorts hält ein Notstromaggregat einen Computer, Kühlschrank und ein paar Glühlampen einer Kinderarztpraxis am Laufen. Eltern haben zumindest im Notfall eine Anlaufstelle für ihre kranken Kinder.

Und inmitten des Chaos liegen die Existenzen im Dreck und Schlamm. Auf der Straße. Müllberge aus Sofas, Schränken und mehr. Die Bundeswehr ist im Einsatz. Mit schwerem Gerät schaufeln die Soldaten die Berge weg.

"Du kannst nur zusehen, wie deine Existenz weggeräumt wird." Die THW-Helfer fühlen mit den Menschen. Ein bereits viel zitierter Satz der vergangenen Tage beschreibt die Wirklichkeit in einem Hochwassergebiet wie Stolberg wohl am treffendsten: "Wir kommen uns vor wie in einem schlechten Katastrophenfilm", sagt Grüner. "Wir sind aber mittendrin." Oder: "Es ist wie im Krieg." Der Vergleich scheint passend.

Das THW Forchheim beim Auspumpen in der Stadt Stolberg in NRW.

Das THW Forchheim beim Auspumpen in der Stadt Stolberg in NRW. © THW Forchheim

Einmalig in der Nachkriegszeit

Es ist ja nicht so, dass die Einsatzkräfte zum ersten Mal in einem Hochwassergebiet Hilfe leisten. Kelheim, Dresden, Passau: "Wenn man all diese Hochwässer zusammen nimmt und in ihrer Zerstörungskraft verdoppelt, ist man bei dem, was dort in NRW los ist", sagt Christian Wilfling, THW-Ortsbeauftragter in Forchheim. "Es ist das größte Schadensgebiet, was wir in der Nachkriegszeit in Deutschland hatten."

Seine zerstörerische Kraft habe das Wasser vor allem deshalb entfalten können, weil eine "riesige Flutwelle" durchgerauscht und das Wasser nicht etwa langsam angestiegen sei. Den Menschen zu helfen, ist deshalb bis heute noch nicht überall möglich. "Bei der Infrastruktur ist viel zusammengebrochen", sagt Grüner. Die Kanäle sind stellenweise verstopft oder zerstört.

"Wir können daher keine vollgelaufenen Keller auspumpen, weil wir sonst das Risiko eingehen, dass das ausgepumpte Wasser anderswo wieder hineinläuft", schildert der Ehrenamtliche. Ein Problem sind auch Rückstände wie Heizöl im Wasser. "Das können wir nicht einfach in den Fluss pumpen."

Gehwege existierten stellenweise nicht mehr, Strom-, Gas-, Wasserleitungen liegen frei. "Der Anblick ist schockierend und kann mit anderen Hochwässern nicht verglichen werden. Da liegen Welten dazwischen."

Kritik am Katastrophenmanagement: Helfer sind zum Warten verdammt

Noch herrscht Chaos. "Momentan wird versucht, Struktur in das Chaos zu bringen", sagt Grüner. Defizite werden deutlich. "Der Katastrophenschutz in NRW bringt es nicht auf die Reihe, dass die Vielzahl von Helfern auch helfen können. Für uns ist das deprimierend", sagt THW-Ortsbeauftragter Christian Wilfling. "Es hätten deutlich mehr Leute von uns in NRW helfen können." Es gebe auch Helfer vor Ort, die zum Warten verdammt sind, weil sie keine Anweisungen erhalten.

Nach Wilflings Analyse fehlen in NRW die kurzen Wege im Katastrophenfall und am Beispiel des Landkreises Forchheim erklärt er den Unterschied: "Bei uns sind örtliche Einsatzleiter für den Katastrophenfall bestimmt." So könne schnell entschieden und der Hilfseinsatz koordiniert werden. In NRW laufe das über die Bezirksregierungen. "Das System dort ist nicht auf die schnelle und unkomplizierte Hilfe ausgelegt." Eine Kritik, die mittlerweile bundesweit Thema ist.

Plünderer ziehen nachts durch die zerstörten Straßen

Und wie in jedem schlechten Film spielt auch in der größten menschlichen Not die dunkle Seite eine Rolle. Nachts sind die meisten zerstörten Straßen im Dunkeln. Manche Abschnitte können Einsatzkräfte beleuchten. "Plünderungen finden statt", schildert Grüner. Ein weiterer schwerer Schlag für alle, die schon im Wasser fast alles verloren haben.

"Die Polizei ist mit einem massiven Aufgebot im Altstadtgebiet unterwegs. Wenn man nachts hier draußen ist, muss man Angst haben, dass einem das Material vom Einsatzauto geklaut wird." Ein Zustand, der schwer zu ertragen ist für jene, die den Menschen in ihrer Not helfen wollen. "Den Helfern ist noch nichts passiert. Wir hoffen, das bleibt so."

Aber es gibt eben auch die aufmunternden Geschichten, die diese Katastrophe schreibt: Wenn von der Flut betroffene Kinder mit einer Ladung Lutscher durch die Stadt laufen und jedem einzelnen Helfer einen in die Hand drücken, um damit Danke zu sagen. "Der eine kommt mit Gesten auf uns zu, der andere sagt einfach nur Danke. Für uns ist das nochmal ein Motivationsschub. Wir wissen dann genau, warum wir hier sind", sagt Grüner. "Diese Bilder gehen nicht mehr so schnell aus dem Kopf."

Sie helfen Tag und Nacht

Auch die THW-Ortsgruppe Kirchehrenbach ist bis Mittwoch mit zwei Helfern im Einsatz, allerdings an anderer Stelle. "Wir fahren im Einsatzgebiet verschiedene Ortschaften mit unserem 450 Liter Dieseltank an, damit die Wasserpumpen durchgängig betrieben werden können", erklärt Karoline Kötter. "Am Montag haben wir ein Krankenhaus ausgepumpt, teilweise standen da noch Straßen unter Wasser."

Die THW Ortsgruppe Kirchehrenbach im Einsatzgebiet.

Die THW Ortsgruppe Kirchehrenbach im Einsatzgebiet. © THW Kirchehrenbach

Auch die Forchheimer Einsatzkräfte sind mit dem Pumpen beschäftigt. Dort, wo es möglich ist. In einem großen Glaswerk wollen sie die Kellerräume von Wasser befreien, damit die Produktion so schnell wie möglich wieder in Betrieb gehen kann.

13 Stunden und länger ist ein Einsatztag. Die Helfer wechseln sich mit der Tag- und Nachtschicht ab, schlafen in Stolberg in der Turnhalle des Gymnasiums. Bis Samstag ist der Forchheimer Trupp wohl noch im Einsatz und wird dann abgelöst.

Auch der BRK-Kreisverband Forchheim ist mit einigen Schnelleinsatzgruppen eingeplant. Sie sind seit Montagmittag für drei Tage im Einsatz. Zu ihren Hauptaufgaben gehören die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und die Sicherstellung der Sanitätsdienstlichen Versorgung. Feuerwehrkräfte aus dem Landkreis seien noch nicht angefordert worden, so Kreisbrandrat Oliver Flake auf Nachfrage.

"Uns begeistert die riesige Welle an Hilfe aus unserer Region", spricht Grüner in die Telefonleitung in Richtung Franken. "Wir haben nicht damit gerechnet." Wie die Hilfe am besten ankommt, müssen die Einsatzkräfte vor Ort noch klären, sagt er.

Damit die Tiere nicht verhungern

Auch für das kommende Wochenende ist eine weitere Hilfslieferung von Landwirten aus der Fränkischen Schweiz für hungernde Tiere im Hochwassergebiet geplant. Am Samstag könnten sich von Dietzhof aus bis zu 20 Lastwagen auf den Weg nach NRW machen. Rund 30 Landwirte tragen Futter wie Heu und Stroh in Ballen zusammen.

Für den Konvoi haben sich acht Speditionen zum Fahren angeboten, sagt Landwirt Markus Wolf aus Egloffstein. "Baggerunternehmen, Speditionen, Holzbauunternehmen - sie alle haben sich angeboten." Auch der Landkreis stellte zwei Lastwagen der Deponie bereit. "Es klappt super, die Hilfsbereitschaft ist groß", sagt Wolf. In zwei Gestüten eines Reitsportvereins im nordrheinwestfälischen Erftstadt landet das Futter und wird von dort weiterverteilt.

Die Arbeit der Helfer wird damit längst nicht zu Ende sein. "Die kleineren Schäden werden in Monaten beseitigt sein, aber es gibt Schäden, die sieht man derzeit noch gar nicht", sagt Markus Grüner vom THW. Unterspülte Straßen etwa, die irgendwann in sich zusammenbrechen könnten. Wie es schon so viele sind. "Der Asphalt ist wie Blätterteig nach oben aufgebrochen", so der 34-Jährige. "Bis alles wieder so ist, wie es vor gut eineinhalb Wochen noch war, werden mit Sicherheit Jahre vergehen."

Keine Kommentare