Zwischen 70 und 100 neue Corona-Mutationen

Forscher der FAU: "Mutanten helfen dem Virus, sich durchzusetzen"

18.5.2021, 15:32 Uhr
Die Wissenschaftler verfolgten das Auftreten von Virusmutationen und -varianten ab dem Beginn der Pandemie in zehn Ländern.

Die Wissenschaftler verfolgten das Auftreten von Virusmutationen und -varianten ab dem Beginn der Pandemie in zehn Ländern. © Brian Inganga/AP/dpa

Das Coronavirus ist in der Form, die die Welt seit bereits über einem Jahr heimsucht, noch immer recht neu und unerforscht. Zahlreiche Wissenschaftler untersuchen den Erreger auf seine Eigenschaften und Schwächen - auch hier in der Region: Von einem Forschungsteam um Stefanie Weber und Gastprofessor Walter Doerfler vom Virologischen Institut – Klinische und Molekulare Virologie des Universitätsklinikums Erlangen der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Die Wissenschaftler verfolgten das Auftreten von Virusmutationen und -varianten ab dem Beginn der Pandemie in zehn Ländern: Großbritannien, Südafrika, Indien, USA, Brasilien, Russland, Frankreich, Spanien, Deutschland und China. Dabei arbeiteten die Erlanger Experten mit Forschern in den USA zusammen. Ihre Studie wurde jetzt in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift EMBO Molecular Medicine veröffentlicht.

Und sie zeigt wenig Erfreuliches: Bis März 2021 ist die Zahl der Corona-Mutationen rasant angestiegen. Bereits bis Ende Januar 2021 wurden neben den bisher bekannten Virusvarianten aus Großbritannien, Südafrika, Brasilien und Kalifornien weltweit zwischen 70 und 100 neue Mutationen im SARS-CoV-2-Genom nachgewiesen. "Dieser Vorgang dauert an und könnte sich trotz Impfung weiterentwickeln, falls es nicht schnell genug gelingt, die Ausbreitung einzudämmen", sagt Walter Doerfler. "Es ist aber noch unbekannt, ob die Infektion mit bestimmten Mutanten mit der Art und der Schwere einer COVID-19-Erkrankung in spezifischer Weise zusammenhängt."


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Mittlerweile kam ein neuer Grund zur Sorge hinzu: "Ende April 2021 verfolgten wir mit Bestürzung die Explosion der Infektionen in Indien mit mehr als 353.000 Fällen und 2.812 Toten pro Tag – die höchsten weltweit je ermittelten Fallzahlen", berichtet Stefanie Weber. "Die bisher bekannten Virusvarianten könnten ansteckender und auch potenziell krankmachender sein als das ursprüngliche Virus aus Wuhan."

Mutanten stellen Therapie und Impfprogramme vor Probleme

Für ihre aktuelle Forschungsarbeit analysierten die Autoren weltweit über 380.500 SARS-CoV-2-RNA-Sequenzen auf Mutanten und Varianten. Zusätzlich untersuchten die Wissenschaftler über 1.750 dieser RNA-Sequenzen detailliert auf Änderungen von Virusproteinen. Dabei betrachteten sie die Entwicklung in mehreren abgegrenzten Zeitintervallen. "Aus der Detailanalyse der Mutationen ergab sich ein interessanter Hinweis", erklärt Weber. "Mehr als 50 Prozent der weltweit registrierten Mutanten kamen durch einen Austausch der Basen Cytosin und Uracil im RNA-Genom von SARS-CoV-2 zustande. Dabei hat das Virus es offenbar geschafft, eine vermeintliche Schutzfunktion menschlicher Zellen für seine Zwecke auszunutzen."

"Es ist zu befürchten, dass die hohe Effizienz der Mutagenese langfristig erhebliche Probleme für die Therapie und die Impfprogramme gegen das Virus generieren könnte", schätzt Doerfler die Lage ein. "Wahrscheinlich wird SARS-CoV-2 für längere Zeit ein gefährlicher Begleiter für uns bleiben." Doch auch ein zweites Szenario wäre unter Umständen denkbar: Im Laufe einer extremen Mutationsbildung kann sich das System erschöpfen und das Virus die Fähigkeit zur Vermehrung verlieren. Dafür gibt es allerdings derzeit keine Hinweise.

Je länger man die Impfungen verzögere, umso schneller könnten sich neue Mutanten durchsetzen und den Impferfolg langfristig infrage stellen, betont Doerfler. In diesem Zusammenhang merkt er kritisch an: "Solange wir uns auf Antigen-Schnelltests verlassen, die in mindestens 35 Prozent der Fälle falsch negative Ergebnisse liefern, werden wir die COVID-19-Pandemie nicht beherrschen. Wir möchten keine Panik machen, aber das Problem klar benennen und aufzeigen, was da gerade passiert."