Fränkisches Gras: Erstes Hanf-Selbstpflückfeld Deutschlands

16.8.2018, 05:57 Uhr
Josef Bayer, seine Freundin Yvonne Lauterbach und die gemeinsame Tochter Leni vor den Hanfstauden, die in den vergangenen Wochen mächtig in die Höhe geschossen sind. Teilweise sind die Pflanzen rund vier Meter hoch.

Josef Bayer, seine Freundin Yvonne Lauterbach und die gemeinsame Tochter Leni vor den Hanfstauden, die in den vergangenen Wochen mächtig in die Höhe geschossen sind. Teilweise sind die Pflanzen rund vier Meter hoch. © Foto: André Ammer

Polizei und Staatsanwaltschaft verfolgen das Projekt von Josef Bayer dennoch mit einem gewissen Argwohn. So wurde der junge Unternehmer schon mehrmals von der Staatsanwaltschaft Coburg angerufen, und immer wieder mal fährt eine Polizeistreife an dem Feld in der Nähe von Kronach vorbei. Als Bayer Flyer auf einer Messe verteilte, wurde ihm außerdem mit einer Strafanzeige gedroht.

Der 32-Jährige lässt sich davon jedoch nicht beirren: Behutsam zupft Josef Bayer einige Blütenstände ab, zerreibt sie zwischen den Fingern und schnuppert mit breitem Lächeln daran. "Jede Pflanze riecht ein bisschen anders. Standort, Bodenbeschaffenheit, Sonneneinstrahlung – das wirkt sich alles auf die Zusammensetzung der Inhaltsstoffe aus", erklärt der junge Landwirt aus dem Landkreis Kronach, der der Nutzpflanze mit seinem Pilotprojekt zu einem neuen Image verhelfen will.

Kein Dünger nötig

Ende Mai hat Bayer auf eineinhalb Hektar die Nutzhanf-Sorten Finola und Santhica 27 angesät, mittlerweile ist ein Großteil der Stauden mit den charakteristischen fingerförmigen Blättern rund vier Meter hoch. "Da sind keinerlei Dünge- und Pflanzenschutzmittel nötig. Es ist die unkomplizierteste landwirtschaftliche Nutzpflanze, die ich jemals angebaut habe", schwärmt der 32-Jährige, und Yvonne Lauterbach lacht angesichts der überschäumenden Begeisterung ihres Freundes. "Dieses Projekt ist ihm ein Herzensanliegen. Wenn er da ins Erzählen kommt, ist er nur schwer zu bremsen", sagt sie.

Vor über 30 Jahren gaben Bayers Eltern ihren Milchviehbetrieb auf und bauten stattdessen Erdbeeren an. Die Produktion wurde kontinuierlich gesteigert, inzwischen wachsen die süßen Früchte auf einer Fläche von 80 Hektar rund um Bernsroth, einem Weiler in der Nähe von Kronach. Auch Himbeeren und Christbäume gehören inzwischen zum Sortiment, im vergangenen Jahr kam dem Juniorchef dann die Idee mit dem Hanf zum Selberpflücken.

Strenge Auflagen

Der 32-Jährige wandelt dabei auf einem schmalen rechtlichen Grat, denn der Anbau von Nutzhanf ist Landwirten nur unter strengen Auflagen erlaubt. Unter anderem sind ausschließlich Sorten zugelassen, die von der EU zertifiziert sind und die sich nicht zur Erzeugung von Haschisch und Marihuana eignen. Der Anteil des Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol (THC) muss deshalb unter 0,2 Prozent liegen. Zum Vergleich: Bei illegalen Pflanzen, die in den vergangenen Jahren von der Polizei in Deutschland beschlagnahmt wurden, liegt der Anteil der für die Rauschwirkung von Cannabis (die wissenschaftliche Bezeichnung für die gesamte Pflanzengattung Hanf) verantwortlichen Substanz bei durchschnittlich zehn Prozent.

"Die Pflanzen auf dem Feld hier könnten Sie kiloweise rauchen und würden trotzdem nicht high davon", beteuert Bayer. Ihm geht es um andere Bestandteile des Hanfs, zum Beispiel dem für zahlreiche medizinische Zwecke eingesetzten Cannabidiol (CBD), einer von über 100 chemischen Verbindungen in der Cannabispflanze, deren vielfältige Wirkungen auf den menschlichen Körper bisher nur zu einem Teil erforscht wurden.

Reizdarmsyndrom im Griff

Dieses CBD war der Auslöser für das Interesse des gelernten Gärtners am Nutzhanf, denn mit Hilfe dieses Wirkstoffs bekam er seine langjährigen gesundheitlichen Probleme in den Griff. Seit seiner Kindheit leidet Josef Bayer am Reizdarmsyndrom, lag deshalb immer wieder im Krankenhaus und musste sich mehreren Operationen unterziehen.

"Das war ein stetes Auf und Ab, kein Medikament und keine Therapie haben wirklich langfristig geholfen", erzählt der Oberfranke, der sich 2015 zu einer Selbstmedikation mit CBD-Öl entschloss. Ein halbes Jahr später habe sein Arzt bei einer Magen-Darm-Spiegelung eine deutliche Besserung der Entzündungswerte festgestellt. "Ich hatte auch keine Darmkrämpfe und kein Sodbrennen mehr", erzählt der 32-Jährige.

Auch seine Freundin, die an der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn leidet, nutzt CBD-Öl zur Linderung ihrer Beschwerden. "Und meine Mutter verwendet es, wenn ihr Ohrenentzündungen zu schaffen machen. Das funktioniert super", erzählt Yvonne Lauterbach, die die heilenden Wirkstoffe des Nutzhanfs auch bei Insektenstichen oder Hautirritationen zu schätzen weiß.

Viele gewerbliche Kunden

Inzwischen hat der Geschäftsführer von "Bayer's Franken-Hanf" eine ganze Reihe von gewerblichen Kunden aus dem gesamten Bundesgebiet. "Eisdielen, Restaurants, Tee- und Öl-Hersteller und auch einige Apotheker", berichtet Bayer, der aber auch Privatkunden braucht, wenn sich das Hanf-Selbstpflückfeld für ihn rechnen soll.

Doch das ist juristisch heikel, denn Privatpersonen ist die Weiterverarbeitung von Hanf untersagt, egal wie hoch beziehungsweise niedrig der THC-Gehalt der Pflanzen ist. Tun Bayers Privatkunden es dennoch, gilt das als Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Der oberfränkische Landwirt ist deshalb auf den Trick gekommen, dass die Menschen den Hanf bei ihm pflücken können und ihm die Pflanzen zur Weiterverarbeitung überlassen. "Ich mische die getrockneten und zerkleinerten Blüten und Blätter dann zum Beispiel mit anderen Kräutern für Tee." Damit sei er rechtlich auf der sicheren Seite, wie ihm sein Rechtsanwalt versichert habe.

"Hinsichtlich des Nutzhanfs gibt es bei vielen Leuten und auch bei unseren Behörden noch große Wissenslücken", sagt Josef Bayer, der deshalb einen Hanf-Lehrpfad auf seinem Feld einrichten und Führungen anbieten will. Auch die regelmäßig nach dem Rechten schauenden Polizeibeamten habe er schon zu einer Betriebsbesichtigung eingeladen. "Vielleicht nehmen sie das Angebot irgendwann ja mal an."

Auch bei Forchheim gibt es ein Feld voller Hanfpflanzen - die Fläche ist zehn Hektar groß. Doch auch hier geht alles ganz legal zu: Familie Nagast aus Hallerndorf stellt Öl aus der Nutzpflanze her.

 

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