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30 Jahre Grün: Fürther Urgesteine erinnern sich

Die Partei hatte es bei ihrer Gründung auch in der Kleeblattstadt nicht leicht - Bombendrohung auf dem AB - 12.01.2010

Wahlkampf in der Fußgängerzone: In den 80er Jahren kam auch Otto Schily nach Fürth, um dem hiesigen Kreisverband unter die Arme zu greifen. © Berthold


Als die Grünen vor 30 Jahren an den Start gingen, hatten sie es auch in Fürth nicht leicht. Von einigen wurden sie als «liebenswerte Spinner» abgetan, erinnert sich Lothar Berthold, von anderen regelrecht angefeindet. «Vor allem in der Zeit, als wir Unterschriften sammeln mussten für unsere erstmalige Stadtratskandidatur», sagt Dagmar Orwen, die damals in Fürth das Regionalbüro der Bundestagsabgeordneten Petra Kelly und Dieter Burgmann leitete. Eines Tages hatte Orwen sogar eine Bombendrohung auf dem AB, zu der sich die «Rechte Deutschlands» bekannte.

Doch allen Widerständen zum Trotz zogen im Jahr 1984 mit Rotraut Grashey und Lothar Berthold zwei Kandidaten in den Fürther Stadtrat ein. Beide hatten sich von Anfang an bei der jungen Partei engagiert. Berthold stieß dazu, «weil sich damals sonst niemand für die Umwelt einsetzte». Grashey war in der Friedensbewegung aktiv und eine Atomkraftgegnerin. Noch gut in Erinnerung hat sie, wie ihr der Fürther Wolfgang Adler vom zweiten Grünen-Parteitag in Saarbrücken berichtete, bei dem das Bundesprogramm verabschiedet worden war. «Das hat mich überzeugt.»

Allerdings kehrte schnell Ernüchterung ein. Grashey: «Es waren wieder die Männer, die den Ton angaben und in den Vorständen saßen.» Doch die Frauen begehrten auf und setzten das «Frauenstatut» durch, das unter anderem festlegt, dass Kandidatenlisten paritätisch besetzt werden. Nicht ohne Stolz erzählt Grashey, dass die Grünen-Frauen aus Fürth diesen Prozess mitbeeinflusst hätten.

Auch Dagmar Orwen, die 1982 in die Partei eintrat und 1996 erstmals in den Stadtrat gewählt wurde, engagierte sich für Frauenrechte und organisierte entsprechende Kongresse. In ihrer Familie - Schwester und Schwager gehörten der CSU an - musste sie «heftige Diskussionen» überstehen. «Es war eine Zeit des Aufbruchs», sagt sie heute. Dass Frauen politisch zusammenhielten und gemeinsam Ziele verfolgten, sei ein völlig neues und wunderbares Erlebnis gewesen.

Auf dem Matratzenlager

An ihrer Partei schätzten sie von Beginn an, dass man, so Grashey, «diskutieren durfte und sich nicht verbiegen musste». Ideologische Scheuklappen gab es nicht. Im Stadtrat machten sie Politik gegen «eine Phalanx aus SPD, CSU und FDP», erinnert sich Lothar Berthold. Umweltpolitisch brannte es damals lichterloh. «Verglichen damit leben wir heute im Paradies», sagt er. Einer der größten Erfolge: Die Amerikaner verzichteten schließlich auf den Bau eines Kohlekraftwerks in der Südstadt.

30 Jahre später engagieren sich alle drei immer noch bei den Grünen, auch wenn sich die Partei sehr gewandelt hat, was nicht nur Dagmar Orwen bisweilen «heftige Bauchschmerzen» bereitet hat, wie sie mit Blick auf den Afghanistan-Einsatz und Hartz IV sagt. Und auch Rotraut Grashey sieht es durchaus positiv, dass sich die Partei in der Opposition nun wieder auf «grüne Grundinhalte besinnen kann».

Die Erinnerungen an die Anfangszeit sind für sie auch nach 30 Jahren noch lebendig. «Die ersten Kongresse waren doch eher gemütlich», sagt Rotraut Grashey rückblickend. Da wurde gestrickt, die Abgeordneten hatten ihr eigenes Essen dabei und nicht selten ihre Kinder. Nach «ewigen Diskussionen» legte man sich dann begeistert oder auch mal zornig schlafen: auf dem Matratzenlager in einer Turnhalle. «Es war», sagt Dagmar Orwen mit einem Lächeln, «eine wilde Zeit. Und irgendwie verrückt.»

Johannes Alles

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