Montag, 30.03.2020

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Abriss droht: Altes Gebäude in Fürths Südstadt soll weg

In der Ludwigstraße sind neue Eigentumswohnungen geplant - 13.01.2020 11:11 Uhr

Verlorenes Fossil: Das Wohnhaus aus dem 19. Jahrhundert ist eines der letzten Relikte aus der Anfangszeit der Fürther Südstadt. Bemühungen, es nachträglich in die bayerische Denkmalliste aufzunehmen, sind gescheitert. © Hans-Joachim Winckler


Ludwigstraße, Blickrichtung Bahnhof: Ein Haus ragt neben dem anderen auf, moderne glatte Fassaden, verspielter Jugendstil, und dann diese Lücke. Hinter einem Holzzaun drängen sich haushohe Fichten, teils Gerippe, und recken ihre Arme vorwitzig Richtung Straße. Die Bäume sieht man im Vorbeigehen, das Gebäude im Hintergrund eher nicht.

Stadtheimatpflegerin Karin Jungkunz und Stellvertreter Lothar Berthold nennen es "Karls Geburtshaus". Denn: Ein Foto aus dem Fundus der Fürther Geschichtswerkstatt, aufgenommen um 1920, zeigt das Gebäude und davor ein paar Leute, offenbar eine Familie samt Opa und Kind. Auf der Rückseite steht in Schreibschrift "Karls Geburtshaus".

Wer Karl war, können Jungkunz und Berthold nicht sagen. Doch sie wissen: Das Anwesen Ludwigstraße 24 war nach der eben sanierten "Pechhüttn" (1831, Schwabacher Straße/Karolinenstraße) eines der ersten Häuser der Südstadt. Ein Zeitzeugnis also, weshalb sie den Erhalt fordern. Doch anders als die Pechhüttn steht es nicht unter Denkmalschutz.

Erbaut wurde das Wohngebäude 1867, Jahrzehnte vor der Paulskirche, für den Zimmermeister Andreas Kanzler nach Bauplänen von Leonhard Gran. Damals war der Fürther Süden eine grüne Gartenstadt, betont Jungkunz, an die Rückseite des Grundstücks grenzte ein Feldweg, der Blick konnte frei schweifen. Doch ringsum wuchsen im Lauf der Zeit fünf- und sechsstöckige Gebäude in die Höhe. Zwischen ihnen wirkt der klassizistische Sandsteinbau mit drei Etagen, schiefergedecktem Dach, Treppengiebel und Zwerchhaus heute wie ein Irrtum.

Vor zwei Jahren, so die Heimatpfleger, sei der letzte Bewohner verstorben. Haus und Grundstück wurden verkauft. Neueigentümer ist die Schultheiss Wohnbau AG. Sie plant an der Straßenfront ein Mehrparteienhaus mit 15 Eigentumswohnungen. "Karls Wohnhaus" soll Parkplätzen weichen. Einen entsprechenden Bauantrag hat das auch in Fürth seit Jahren tätige Unternehmen mit Sitz in Nürnberg bei der Stadt eingereicht. Genehmigt ist er noch nicht.

Karin Jungkunz hat, wie sie sagt, rein zufällig vom geplanten Abbruch und Neubau erfahren. Zusammen mit der Unteren Denkmalschutzbehörde drängten sie und Berthold beim Landesamt für Denkmalpflege darauf, das Haus nachträglich unter Denkmalschutz zu stellen. Doch die Münchner lehnten ab.

"Grünes Fenster"

Ausschlaggebend dafür war laut Jungkunz die Sanierung von Bädern und anderen Teilen des Interieurs in den 70er Jahren. Aus ähnlichen Gründen hat das Landesamt kürzlich dem historischen Batzenhäusle in der Ulmenstraße die Denkmalwürdigkeit verwehrt. "Die Leute sollen wohl heute noch in Höhlen leben?", kommentierte das Jungkunz. Auch jetzt empört sie sich über das "Totschlagargument" und kritisiert mit Verweis auf die städtebauliche Bedeutung den bloßen Blick auf die Bausubstanz. Dass "Karls Geburtshaus" bald ausradiert sein dürfte, beklagt auch Reinhard Scheuerlein vom Bund Naturschutz. Der Garten sei "ein grünes Fenster in einer extrem verdichteten Umgebung", das Gebäude ein "Identifikationspunkt im Quartier".

Ohne die Denkmalwürdigkeit, so Baureferentin Christine Lippert, habe man rechtlich keine Handhabe gegen den Neubau. Ein Lückenschluss sei aus heutiger Sicht sinnvoll. "Und dass neuer Wohnraum in zentraler Lage entsteht, ist wichtig und gut." Schade sei trotzdem der Verlust eines "Idylls, das noch an die Gartenstadt erinnert".

Rüdiger Sickenberg, Vorstandsmitglied von Schultheiss, sagt, seine Firma habe den Fall "umfangreich untersucht". Den Altbau zu erhalten sei schon deshalb "nicht möglich", weil er durch den Neubau zu wenig Licht bekäme. Man habe aber "komplett umgeplant", um zwei Bäume im Hof zu bewahren.

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