Sonntag, 08.12.2019

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Akribische Arbeit: Das Gedächtnis des Fürther Judentums

Gisela Naomi Blume stellt ihr neues Buch im Stadtmuseum vor - 20.07.2019 10:00 Uhr

Gisela Naomi Blume kennt die Lebensgeschichten von zahllosen jüdischen Fürthern, die auf den hiesigen Friedhöfen begraben liegen. Sie hat auch dafür gesorgt, dass die Opfer der Nazi-Verfolgung nicht in Vergessenheit geraten. Ein Denkmal mit den Namen der Getöteten findet sich dank Blume in der Halle des Neuen Jüdischen Friedhofs. © Andre De Geare


Niemand soll vergessen werden. Beinahe ihr halbes Leben lang schon forscht Gisela Naomi Blume an der Geschichte der jüdischen Friedhöfe in Fürth, sie hat die Schicksale zahlloser Verstorbener dokumentiert. Bereits in den 90er Jahren gab Blume den Opfern der Shoah einen Namen und ein Gesicht. Dank ihr erinnern ein Memorbuch und ein Mahnmal an die mehr als tausend Fürther jüdischen Glaubens, die zwischen 1933 und 1945 in der Nazi-Diktatur ihr Leben lassen mussten.

2007 dann veröffentlichte sie nach umfangreichen Recherchen ein Buch über den alten Friedhof an der Schlehenstraße, wo ab 1607 binnen gut 300 Jahren 20.000 Menschen bestattet wurden. 250 von ihnen stellte Blume exemplarisch in ihrem Buch vor, die Namen der anderen hat sie digitalisiert.

Dazwischen jedoch – von der Zeit des alten Judenfriedhofs bis zur Shoah – klaffte eine Lücke, die Blume nun mit ihrer aktuellen Arbeit schließt. Eineinhalb Jahre lang hat sie sich dem Neuen Jüdischen Friedhof an der Erlanger Straße gewidmet, wo am 1. Februar 1906 zum ersten Mal ein Mensch die letzte Ruhe fand. Viele weitere sollten folgen.

"Geschichte, Gräber, Schicksale", so lautet der Untertitel ihres Buches, in dem Blume auf 736 Seiten genau 1075 Gräber dokumentiert hat. Über 1300 aktuelle und historische Abbildungen machen das Werk anschaulich, das Blume, wie sie selber sagt, mit einem "guten Gefühl" vollendet hat, denn: "Es schließt meine Arbeit ab." Eine Arbeit, die die Lebensumstände und Familienzusammenhänge der Fürther Juden aus einem Zeitraum von 350 Jahren bewahrt.

Die Geschichte des Neuen Jüdischen Friedhofs geht zurück auf das Jahr 1881, als die Israelitische Kultusgemeinde das Gelände an der Erlanger Straße erwarb, weil der alte Friedhof nicht mehr erweitert werden konnte. 1901 und 1902 wurde dann im neoklassizistischen Stil und nach Plänen des renommierten Fürther Architekten Adam Egerer die prächtige Aussegnungshalle gebaut, in der sich inzwischen auch das Denkmal für die Fürther Opfer der Shoah befindet.

Die Geschichten dahinter

Blume hat nicht nur in akribischer Arbeit die Namen derer festgehalten, die ab 1906 auf dem Areal bestattet wurden, sondern erzählt auch die Geschichten, die hinter den Grabsteinen stehen. Da wäre Bertha Anker, die mit ihrem Tod 1918 der Stadt ihr gesamtes Vermögen von über 200 000 Reichsmark stiftet, da wäre Stadtrat Sigmund Morgenthau, der sich Anfang der 1920er Jahre gegen den Zusammenschluss der Städte Nürnberg und Fürth einsetzt, und da wäre die Familie Ullmann: Der erfolgreiche Unternehmer Justus Ullmann spendet um die Jahrhundertwende viel Geld für den Bau des Stadttheaters und der Volksbildungsstätte Berolzheimerianum (heute Comödie).

Einer seiner Söhne fällt im Ersten Weltkrieg, doch dieses Opfer für das Vaterland zählt nicht mehr, als die Nazis die Macht ergreifen. Justus Ullmanns Frau Luise, seit 1907 Witwe, muss wenige Tage vor der Reichspogromnacht 1938 das Wohn- und Geschäftshaus Friedrichstraße 13-15 weit unter Wert verkaufen. Im Juli 1941 kann sie nach Kuba emigrieren. Das für sie in Fürth reservierte Grab blieb unbelegt.

Die Rückgabe wird unmöglich

Es sollte nicht das Einzige sein. Ab 1933 beginnt der Exodus der Fürther Juden. Wer kann, flieht vor den Nazis und emigriert. Wer zurückbleibt, wird deportiert. Nach dem Pogrom 1938 muss die Kultusgemeinde neben anderen Immobilien auch den Friedhof verkaufen. Im bis dato ungenutzten Bereich werden christliche Gräber angelegt. Dadurch wird die Rückgabe nach 1945 unmöglich. Die neue Kultusgemeinde erhält daher nach dem Krieg ein im Norden angrenzendes Areal als Ersatz.

Als Letzter der alten Kultusgemeinde wird Leopold Daniel am 30. August 1943 im ursprünglichen Teil des Friedhofs bestattet. Der Arzt floh vor der Deportation, wurde gefasst und erhängte sich in einer Gefängniszelle in Fürth.

Ihr Buch wird Gisela Naomi Blume am Mittwoch, 24. Juli, um 18.30 Uhr im Stadtmuseum vorstellen. Nur an diesem Abend gibt es das Werk zum Sonderpreis von 24 Euro. Blume, die 2001 zum Judentum konvertiert ist, schließt damit ein wichtiges Kapitel ihrer Arbeit. In Zukunft wolle sie ihre Texte über die Fürther Opfer der Shoah auf der Internetseite www.juedische-fuerther.de ergänzen und überarbeiten. Ein Buch jedoch werde sie nicht mehr schreiben. "Ich bin jetzt über 80, das war mein letztes", sagt sie, schmunzelt und hängt die hebräischen Worte "Bli Neder" an. Das heißt so viel wie: Versprechen kann ich Ihnen das jetzt aber nicht.

"Der Neue Jüdische Friedhof in Fürth – Geschichte, Gräber, Schicksale", ISBN 978-3-929865-75-2, 36 Euro. Ab dem 24. Juli im Buchhandel.

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