Als die Blechlawine durch Fürths Talauen rollen sollte

20.6.2013, 13:00 Uhr
Heuernte im Wiesengrund: Die Nordspange, die hinter den Bäumen verläuft, ist das einzige Überbleibsel des berüchtigten Schaechterle-Plans.

Heuernte im Wiesengrund: Die Nordspange, die hinter den Bäumen verläuft, ist das einzige Überbleibsel des berüchtigten Schaechterle-Plans. © Winckler

Deutschland in den 50er und 60er Jahren: Es ist die Zeit des Wirtschaftswunders. Von Flensburg bis nach Oberammergau herrschen Wachstums- und Fortschrittseuphorie. Es gibt von allem mehr: mehr Fabriken, mehr Arbeit, mehr Autos. Der Verkehr nimmt rapide zu – auch in Fürth mit seinen engen Straßen in einer Innenstadt, der die Flüsse Pegnitz und Rednitz enge Grenzen setzen.

Anfang der 60er Jahre will der Verkehrsexperte Karlheinz Schaechterle die Verkehrsprobleme Fürths mit einem Plan lösen, der das Gesicht der Stadt radikal verändern würde. Unter den Gegebenheiten der damaligen Zeit stößt das Vorhaben dennoch auf das Wohlwollen von Stadtverwaltung und Kommunalpolitik. Mit mehrspurigen Straßen will Schaechterle den Rednitzgrund auf Höhe der heutigen Uferpromenade sowie das Pegnitz- und das Regnitztal erschließen – der Schaechterle-Plan ist geboren (siehe Artikel unten).

Wie vermutlich alle Fürther können heute Reinhard Scheuerlein und Lothar Berthold vom Bund Naturschutz darüber nur den Kopf schütteln. „Es ging damals darum, die autogerechte Stadt zu schaffen“, sagt Scheuerlein rückblickend und Berthold ergänzt, dass die Öffentlichkeit noch „kein ökologisches Bewusstsein“ hatte. Die Öffentlichkeit nicht – dafür aber die Fürther Ortsgruppe des Bundes Naturschutz.

Der BN bekämpft den Schaechterle-Plan von Anfang an. Schon im März 1961 verfasst er eine Resolution gegen die „Autoringstraße“ im Pegnitztal, die den innerstädtischen Verkehr, vor allem die Nürnberger Straße, entlasten soll. In den Fürther Nachrichten beklagen die Naturschützer „eine radikale Zerstörung des Stadtparks“, der doch der „werktätigen Bevölkerung“ als ruhiges Erholungsgebiet diene. Der Stadtrat wird „ebenso höflich wie dringend“ gebeten, eine andere Lösung für die „zugegeben schwierigen Verkehrsverhältnisse“ zu finden.

Ein Jahr später legt der BN nach: „Noch ist der Schaechterle-Plan nicht durch das Stadtparlament gegangen, da will der BN nichts unversucht lassen, um den Stadtpark vor dem Zugriff der Verkehrsplaner zu bewahren“, schreiben die FN. Dabei müssen sich die Naturschützer um ihren Vorsitzenden Martin Wißmüller und den Stadtgartendirektor Hans Schiller gegen den offenbar allgegenwärtigen Vorwurf wehren, „altmodische Romantiker und Querköpfe“ zu sein.

Zehn Jahre später ist der Schaechterle-Plan zwar noch nicht umgesetzt. Allerdings hat er Aufnahme in den Flächennutzungsplan der Stadt gefunden, die Kommunalpolitik stützt ihn noch immer. Unter dem Titel „alles für fürth“ zieht etwa die SPD 1972 mit einem Stadtplan in den Kommunalwahlkampf, auf dem die geplanten Straßen in den Talauen eingezeichnet sind. Der BN gibt erneut kontra, der Ton wird forscher: Anstatt höflich zu bitten, kündigt Hans Schiller an, man werde sich mit allen Mitteln gegen das Pegnitztalstraßen-Projekt wehren. Auch der heutige BUND-Chef Hubert Weiger, Anfang der 70er Jahre Naturschutz-Beauftragter für Nordbayern, kommt nach Fürth, um sich in die Diskussion einzuschalten: „Wann denken endlich die Stadtplaner an die Leute, die auf die letzten Grünflächen im Stadtgebiet angewiesen sind?“

Als Lothar Berthold 1978 als 28-Jähriger zum BN stößt, sorgen bereits Frankenschnellweg und Südwesttangente für Entlastung. Der Schaechterle-Plan existiert zwar nur noch in einer abgespeckten Variante, aber er ist immer noch nicht tot. Berthold setzt sich gemeinsam mit Hubert Weiger, der inzwischen in Fürth lebt, dafür ein, dass die Stadt nach der Pegnitztalstraße auch von der Westspange im Rednitzgrund abrückt. Von 1980 bis 1983 zieht der BN Sommer für Sommer ein Wiesengrundfest am Badsteg auf.

Im Juni 1980 bittet die Kreisgruppe zur Podiumsdiskussion unter dem Titel: „Braucht Fürth einen neuen Verkehrswegeplan?“ – „Ja“, lautet der allgemeine Tenor der Teilnehmer, darunter Stadträte und Bürgermeister Heinrich Stranka. Auch Karlheinz Schaechterle ist zugegen: Man müsse heute, sagt er, von ganz anderen Realitäten ausgehen als noch 1962. Ein Umdenken hat eingesetzt.

„Es ist schon erstaunlich“, sagt Reinhard Scheuerlein rückblickend: „Nur wenige Jahre, nachdem die Pläne zu den Akten gelegt worden waren, konnte sich das alles kaum noch jemand vorstellen.“ Heute gehen die Fürther in den Talauen spazieren oder joggen. Sie fläzen auf den Wiesen in der Sonne. An der Siebenbogenbrücke, wo eine mehrspurige Straße vorgesehen war, ist ein beliebter Grillplatz für die Innenstadtbewohner. Und wenn die Flüsse über ihre Ufer treten, finden sie genügend Raum.

Jeder, sagt Scheuerlein, freut sich über die Talauen, aber kaum einer wisse, wie sehr um sie gerungen wurde. „Es gibt ja nirgendwo einen Hinweis darauf.“

Am Donnerstag, 4. Juli, ruft der BN den Schaechterle-Plan bei einer Führung durch die Talauen ins Gedächtnis. Treffpunkt ist um 18 Uhr am Südausgang des Fürther Hauptbahnhofs.

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