Als die Fürther den Zeppelin bestaunten

2.11.2020, 06:00 Uhr
Haben Sie dieses Relief in Fürth schon einmal wahrgenommen? Vermutlich nicht, denn es befindet sich hoch über unseren Köpfen in der Flößaustraße. Es erinnert daran, wie die Fürther erstmals einen Zeppelin zu Gesicht bekamen. Für die Zeitgenossen ein sehr bewegendes Ereignis.

© Johannes Alles Haben Sie dieses Relief in Fürth schon einmal wahrgenommen? Vermutlich nicht, denn es befindet sich hoch über unseren Köpfen in der Flößaustraße. Es erinnert daran, wie die Fürther erstmals einen Zeppelin zu Gesicht bekamen. Für die Zeitgenossen ein sehr bewegendes Ereignis.

Wer in Fürth den Zeppelin sehen will, darf nicht zu Boden schauen. Das war vor über hundert Jahren so, und das gilt auch heute noch.

Am Giebel eines alten Jugendstilhauses in der Südstadt, fünf Stockwerke oberhalb der Flößaustraße, prangt ein großflächiges Stuckrelief: Ein Luftschiff schwebt über dem Fürther Rathaus, über der Michelskirche und zwei weiteren Kirchtürmen.

Vermutlich sind es "Unsere Liebe Frau" sowie "Peter & Paul" in Poppenreuth. Über den Himmel ziehen weiße Wolken, durchstoßen von den gleißenden Strahlen einer aufgehenden Sonne, was durchaus symbolisch zu verstehen ist: Wir schreiben das Jahr 1910 und mit ihm dämmert ein neues Zeitalter herauf.

Hoffnungsträger der Luftfahrt

Nach den Worten der Historikerin Barbara Ohm erinnert das Relief an den vermutlich ersten Zeppelin, der über Fürth gesichtet wurde. Am 29. März 1909 soll er auf dem Weg nach Nürnberg gewesen sein. So hat es ein paar Jahrzehnte später Adolf Schwammberger in seinem Buch Fürth von A bis Z festgehalten. Der frühere Stadtarchivar, posthum wegen seiner NS-Vergangenheit in Ungnade gefallen, verzichtete leider auf eine Quellenangabe.

Fest steht: Die Luftschiffe, benannt nach ihrem Erfinder, Ferdinand Graf von Zeppelin (1838-1917), galten damals als Hoffnungsträger der zivilen Luftfahrt, aber auch des Militärs. Obwohl das Relief, die Arbeit eines heute unbekannten Mannes, in Ohms Augen rein künstlerisch keinen besonderen Wert hat, ist sie ein großer Fan von ihm. "Es ist zwar kein Kunstwerk", sagt die frühere Stadtheimatpflegerin, "aber es hat sehr viel zu erzählen."

© Foto: Johannes Alles

Den Bürgern der Kleeblattstadt bot das Luftschiff am Himmel ein schier unglaubliches Spektakel. Moderne Spitzentechnologie, von der sie bislang nur in der Zeitung gelesen hatten, fährt plötzlich den Horizont entlang. Fährt? Ja. Weil die damaligen Zeppeline mit Materialien unterwegs sind, die leichter sind als die umgebende Luft, sagt man, sie fahren. Flugzeuge hingegen sind schwerer, sie fliegen.

Von der Fahrt im März hat Ohm bislang keinen Zeitungsartikel im Archiv finden können, wohl aber von einer weiteren Sichtung im Spätsommer desselben Jahres. Am 3. September 1909 berichtet der Fürther Central Anzeiger: "Auch diesmal mußten sich die Fürther mit der Beobachtung des in weiter Ferne majestätisch dahinziehenden Luftseglers begnügen. Kurz nach 3 Uhr schwebte das Luftschiff in der Richtung von Kraftshof her in Sicht."

Offenbar ist deshalb die halbe Stadt auf den Beinen: "Auf dem Kranz der Zinne des Rathausturms, auf dem Michaelskirchturm, auf Dächern, Schlöten, aus Dachfenstern, von der Poppenreuther Brücke, vom Karlssteg, vom Espan, von der Hardt, kurz von allen einen Ausblick bietenden Punkten wurde nach Z.3 gespäht."

Wie der Berichterstatter weiter schreibt, haben einige Schulen deshalb den Nachmittagsunterricht ausfallen lassen. In anderen führen die Lehrer ihre Klassen zu den genannten Aussichtspunkten. Der Artikel endet mit den Worten: "Wohl alle, die an dem Flug des Kreuzers Interesse nahmen, gaben ihm den Wunsch auf ferneres glückliches Geleite mit und mit Befriedigung wird sie die Kunde von der glücklich vollendeten Heimfahrt erfüllt haben."


«Zigarren» über Schwabach lösen Bewunderung aus


Die laut Ohm "äußerst flugbegeisterten Fürther" hatten sich bereits 1908 an der "Zeppelin-Spende des Deutschen Volks" beteiligt, um der neuen Technologie zum Durchbruch zu verhelfen. Aus den Akten des Stadtarchivs weiß die Historikerin, dass die Lokalpolitik ein Jahr später darüber diskutiert, in Fürth einen sogenannten Ankerplatz für die schwebenden Zigarren, wie man sie scherzhaft nennt, zu schaffen. Im selben Jahr erhält die Zeppelinstraße ihren Namen, an deren Ecke das Haus Flößaustraße 91 steht. Es wird 1910 fertiggestellt – und mit dem Relief versehen.

Die Pläne für den Ankerplatz bleiben in der Schublade, stattdessen entsteht wenige Jahre später bei Atzenhof ein Start- und Landeplatz für Flugzeuge. Gleichwohl macht der Zeppelin dem Flugzeug gut drei Jahrzehnte lang ernsthaft Konkurrenz. Die Werft in Friedrichshafen am Bodensee wächst zu einem der größten Konzerne im Südwesten des Reichs, aufstrebende Firmen wie Maybach liefern die Motoren, Getriebe oder Baumwoll-Bespannungen.

Im Ersten Weltkrieg werfen Zeppeline Sprengbomben und Brandsätze über Antwerpen, London und sogar über dem schottischen Edinburgh ab. Dem ersten strategischen Bombenkrieg der Geschichte fallen hunderte Zivilisten zum Opfer. In dieser Zeit muss ein Zeppelin – auf dem Weg nach London und bestückt mit 50 Brandbomben und 30 Zentnern Sprengbomben – auf dem Flugplatz in Atzenhof notlanden. "Die Fürther sind in Scharen dorthin gepilgert, um ihn zu sehen", erzählt Ohm.

Dramatisches Ende

Weitaus mehr Segen bringen Zeppeline im Dienst der zivilen Luftfahrt. Sie sind die ersten Luftfahrzeuge, die Passagiere im Liniendienst ohne Zwischenstopp über den Atlantik befördern. In diesen späteren Modellen gibt es Schlafkabinen, Gesellschaftsräume und einen Speisesaal.

Ein jähes Ende bereitet dem Zeitalter der Zeppeline das dramatische Unglück des Luftschiffs "Hindenburg" im Mai 1937. Auf dem Weg von Frankfurt in die USA geht es kurz vor der Landung in Lakehurst (New Jersey) in Flammen auf, 35 der 97 Menschen an Bord kommen ums Leben.

In Fürth blättert heute langsam der Putz von dem über 100 Jahre alten Stuckrelief. Barbara Ohm seufzt leise. "Da müsste sich jemand mal drum kümmern."

Der Zeppelin aber fährt, hoch über der Flößaustraße, weiter – unbeirrt und doch, anders als damals, ziemlich unbemerkt.

So geht’s zum Zeppelin: Er findet sich am Haus Flößaustraße 91 in der Südstadt.

 

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