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Am sozialen Wohnungsbau scheiden sich die Geister

In Fürth wird gestritten, wie man dem Mangel an günstigem Wohnraum begegnen sollte - 17.01.2018 06:00 Uhr

Die Zahl der Kräne zeigt es: Der Wohnungsbau in Fürth floriert, doch nach Ansicht von Kritikern kommt dabei die Schaffung von Angeboten für Geringverdiener zu kurz. Das Rathaus hingegen verweist auf intensive Bemühungen. © Archivfoto: Horst Linke


Dem Rathauschef platzte ganz offenbar der Kragen: Auf einen offenen Brief des Fürther Sozialforums, in dem zum wiederholten Male Versäumnisse der Stadt beim Wohnungsbau angeprangert wurden, reagierte er mit einem ebenso öffentlichkeitswirksamen Gegenschlag. Unter dem Titel "Aktuelle Fakten zur Mietwohnungssituation in Fürth" kam Thomas Jung in einer Presseerklärung zum Ergebnis: Fürth steht nicht schlecht da – zumal, wenn man sich mit den Nachbarstädten vergleicht.

Mit den Zahlen nahm es der OB darin allerdings nicht so genau: Zwar stimmt es, dass in Fürth derzeit 921 Menschen – 687 aus der Stadt selbst – mit amtlichem Berechtigungsschein auf der Suche nach einer der besonders erschwinglichen Sozialwohnungen sind; in Erlangen aber, ergab die FN-Nachfrage, sind es statt der in der Rathausmitteilung genannten 4000 Suchenden 1825, in Nürnberg statt 10 000 rund 8600. Ein Übertragungsfehler, so die Begründung.

Dennoch untermauern natürlich auch die korrekten Zahlen, was Jung mitteilen möchte: Die Wohnungsnot für Geringverdiener sei in Fürth nicht nur innerhalb des Ballungsraums, sondern auch im Vergleich aller bayerischen Großstädte "mit Abstand am geringsten". Zudem, so das Rathaus, liege das Mietniveau elf Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Und beim Wohnungsbau insgesamt stehe Fürth bundesweit auf Platz fünf und weit vor den unmittelbaren Nachbarn.

"Selbstverständlich" könne das Sozialforum Missstände kritisieren, sagt der OB. Im Fall der in seinen Augen "vorbildlichen Wohnungsbaupolitik der Stadt" indes fehle ihm dafür das Verständnis. "Wir haben Sorgen, aber nirgendwo in Bayern leben Mieter besser als in Fürth", beharrt er.

Doch angespannt, das kann keine Bilanz übertünchen, ist der Wohnungsmarkt auch in der Kleeblattstadt. Darüber, wie man dem entgegenwirken kann, gehen die Meinungen auseinander. Jung etwa verweist auf reichlich erschwinglichen Wohnraum, der in naher Zukunft entstehen soll: 650 Mietwohnungen für Menschen mit schmalem Geldbeutel listet er auf, die bis 2020 zumeist von Wohnungsbaugenossenschaften oder vorwiegend sozial orientierten Bauträgern geplant seien.

Kritiker halten dagegen, darunter seien zu wenige der klassischen Sozialwohnungen, für die dank staatlicher Förderung besonders günstige Mieten zu gelten haben. Hinzu komme, dass diese – zeitlich begrenzte – soziale Bindung in den nächsten Jahren für Hunderte bereits bestehende Wohnungen in Fürth auslaufe, diese also den Status als Sozialwohnungen einbüßen; die Miete könnte dann erhöht werden.

"Fahrlässiger Umgang"

Das Sozialforum wirft Jung zudem einen "fahrlässigen Umgang mit Zahlen" vor. Denn er stelle den kompletten günstigen Wohnraum, der entstehen soll, der Zahl der auf der Fürther Warteliste verzeichneten Suchenden gegenüber. Die aber hätten ausschließlich Anspruch auf eine tatsächliche Sozialwohnung. "Das ist entweder Schlamperei oder bewusste Irreführung", sagt Stephan Stadlbauer, Sprecher des Sozialforums. Für Betroffene, die seit Jahren auf eine Sozialwohnung hoffen, sei es darüber hinaus "absolut irrelevant, wenn es in den Nachbarstädten noch schlechter aussieht als in Fürth".

Doch was tun, um die Situation zu verbessern? Stadlbauer und seine Mitstreiter würden sich einen Schritt wünschen, den die Grünen erst unlängst im Zusammenhang mit dem Baugebiet Reichsbodenfeld angeregt hatten, der jedoch im Stadtrat wenig Widerhall fand: die Verankerung einer Quote von 25 Prozent der Fläche für Sozialwohnungen, wenn ein Vorhaben eine gewisse Anzahl Geschosswohnungen umfasst.

Der OB weist das zurück und beruft sich auf die hiesigen Baugenossenschaften. Die hätten ihm bedeutet: Sie seien gern bereit, günstigen Wohnraum zu schaffen – doch werde dieser, wie bei Sozialwohnungen, öffentlich gefördert, müssten sie sich die Mieter oft von Behörden "diktieren lassen". Damit, so Jung, hätten die Verantwortlichen "schlechte Erfahrungen gemacht"; deshalb lasse man im Zweifelsfall lieber die Finger davon.

Der Rathauschef bleibt angesichts dessen bei seiner Strategie, auf eine Art Selbstverpflichtung der örtlichen und regionalen Genossenschaften und Bauträger zu vertrauen. Zur Seite sprang ihm kürzlich im Stadtrat seine SPD-Parteifreundin, Fürths Sozialreferentin Elisabeth Reichert. Es komme "nicht darauf an, ob das Label Sozialwohnung draufsteht", gab sie zu Protokoll. "Die Menschen müssen sich die Miete leisten können." 

Wolfgang Händel

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