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Angst vor Corona: Massiver Patientenrückgang in der Fürther Notaufnahme

Die Notfall-Patienten kommen später und kränker: Das Zögern kann gefährliche Folgen haben - 18.02.2021 06:00 Uhr

Die Patienten kommen später – und kränker: Auch in der ZNA des Fürther Klinikums hat man diesen Eindruck.

16.02.2021 © Foto: Wolfgang Händel


Der Rückgang ist deutlich: Im aktuellen Lockdown haben sich die Notaufnahmen der Krankenhäuser in Deutschland um ein Drittel weniger Notfall-Patienten gekümmert als in den Vorjahren. Experten vermuten, dass viele Menschen trotz Beschwerden zuhause bleiben – aus Furcht vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus. Davor aber warnen Notfallmediziner eindringlich.


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"Die Patienten kommen später, aber auch kränker in die Notaufnahmen": So formulierte es jüngst Prof. Dr. Felix Walcher von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Und so erlebt man es auch in der Zentralen Notaufnahme (ZNA) des Fürther Klinikums.

Dort hat man die Zahlen vom Januar 2021 – die Kleeblattstadt steckte mitten im Lockdown, die Sieben-Tage-Inzidenz war hoch – mit denen vom Januar 2020 verglichen, als die Pandemie noch nicht angekommen war: Die Patientenzahl ist um rund 30 Prozent zurückgegangen.

Ein genauerer Blick auf die Statistik zeigt: Die Zahl der sehr dringenden und dringenden Notfälle, der schwerkranken Patienten also blieb recht konstant. Einen starken Rückgang aber gab es während der Pandemie bei den Patienten, deren Lage noch nicht kritisch war – und zwar immer dann, wenn es in Fürth viele Corona-Fälle gab, wie Prof. Dr. Harald Dormann, der Leiter der ZNA, sagt.

Ob es um Notfälle aus der Chirurgie, der Inneren Medizin oder der Neurologie geht: Im Lockdown-Januar kamen deutlich weniger Patienten in die Notaufnahme des Fürther Klinikums als in den Vorjahren.

17.02.2021


Eine bedenkliche Entwicklung, wie er deutlich macht: "Leider gab es einige, die früher hätten kommen müssen." Sie seien die Verlierer in der Pandemie. Bei einer rascheren Behandlung wären Krankheitsverläufe oder Folgeschäden womöglich milder gewesen.

Unklare Infektionen und Bauchschmerzen abklären lassen

Bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall etwa zähle jede Minute, um Herzmuskelgewebe und Gehirnaktivitäten zu erhalten. Auch unklare Infektionen und unklare Bauchschmerzen solle man ernst nehmen und abklären lassen, sagt Dormann. Die Sterblichkeit sei bei solchen Fällen teils höher als bei einem Herzinfarkt und Schlaganfall.

Aus einer Infektion (z.B. Harnwegsinfektion, Lungenentzündung oder offene Wunde) kann eine lebensbedrohliche Sepsis werden, was vielen nicht bekannt ist. Zeit ist auch hier entscheidend.

Vermeintliche "Bagatellsymptome" ernst nehmen

Vermeintliche "Bagatellsymptome" können Anzeichen für ernsthafte Erkrankungen sein, betont Dormann: ungewöhnlich heftige Kopfschmerzen zum Beispiel, Brustschmerzen, Schwindelattacken oder ein Bewusstseinsverlust. "Nicht alles, was eine schwere Erkrankung ist, muss sich schlimm anfühlen". Sein Appell: "Wer sich unsicher ist, sollte es in einer Praxis oder in der Notaufnahme abklären lassen, wie vor Corona."

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Über 70 Prozent der Menschen über 70 Jahren haben kein Fieber mehr, erklärt Dormann. Hier können "Wesensveränderungen" auf gefährliche bakterielle Infektionen oder eine lebensbedrohliche Blutvergiftung hinweisen – "wenn jemand etwa plötzlich vergesslich oder schusselig wirkt". Die Ärzte können mehr tun, wenn schwere Erkrankungen früh erkannt werden.


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Eine Studie des wissenschaftlichen Instituts der AOK kam jüngst zu folgenden Ergebnissen: Die Zahl der Patienten mit schweren Herzinfarkten, die in die Kliniken kommen, ging um 24 Prozent zurück, die der Patienten mit leichten Infarkten um fast 30. Und es kommen weniger, dafür schwerer erkrankte Schlaganfall-Patienten an.

Weniger Unfälle auf Schulwegen und in der Freizeit

Daneben waren im Januar in der Fürther ZNA auch weniger Unfälle zu behandeln, die sich in der Schule, auf Schulwegen oder in der Freizeit ereignen. In der Altersgruppe der 10- bis 20-Jährigen zählte das Team nur noch etwa halb so viele chirurgischen Notfälle wie vor einem Jahr. Man merkt, dass die Menschen weniger aktiv, weniger mobil sind.

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Zugleich sind die Notaufnahmen trotz der geringeren Patientenzahl stark belastet: weil auch Personal coronabedingt ausfällt (40 Prozent waren es an manchen Tagen im Januar) und weil jeder Patient zunächst mit aufwendigen Schutzvorkehrungen behandelt wird – so, als sei er ein Covid-19-Fall.

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