Tag der Pflege

Arbeit auf der Corona-Station: Ein Pfleger berichtet vom Alltag im Fürther Klinikum

12.5.2021, 17:57 Uhr
Seit elf Jahren arbeitet Marco Koch auf der Intensivstation, doch in all der Zeit hat er nicht so viele Menschen sterben sehen wie in den vergangenen zwölf Monaten.

Seit elf Jahren arbeitet Marco Koch auf der Intensivstation, doch in all der Zeit hat er nicht so viele Menschen sterben sehen wie in den vergangenen zwölf Monaten. © Foto: Hans-Joachim Winckler

Als sich Marco Koch kürzlich während seiner Schicht etwas zu essen holte, kam eine Frau auf ihn zu. "Sind Sie Pfleger Marco?", fragte sie ihn. Als er bejahte, erzählte sie, dass ihr Vater vor einem Dreivierteljahr bei ihm auf der Intensivstation gelegen hat, erkrankt an Covid-19. Ein Kampf, den er verlor. Seine Tochter aber freute es, Koch zufällig zu treffen. "Sie wollte sich dafür bedanken, dass wir es ihr ermöglicht haben, sich von ihm zu verabschieden."


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Es sind solche Momente, die den 31-Jährigen dazu anspornen, weiterzumachen, durchzuhalten. Seit dem Beginn der Pandemie ist er fast durchgängig auf der internistischen Intensivstation tätig, also dort, wo die schweren Verläufe einer Covid-Erkrankung landen. Seit die Zahl der Neuinfektionen im vergangenen Oktober wieder in die Höhe schnellten, gab es für ihn und seine Kollegen "keine Entschärfung, kein kurzes Durchschnaufen".

Seit elf Jahren arbeitet Marco Koch auf der Intensivstation, aber noch nie, sagt er, habe er so viele Menschen sterben sehen wie in den vergangenen zwölf Monaten. Es waren mehr als in den elf Jahren zusammen. Sie alle seien "an Corona gestorben, nicht mit Corona".

Besonders schlimm sei es für alle Krankenpfleger, dass der Verlauf der Viruserkrankung oftmals schwer einschätzbar sei. "Der Ausgang ist, wie Russisch Roulette zu spielen", sagt Koch. Nicht selten komme es bei Patienten, die man schon auf dem Weg der Besserung gesehen hatte, zu Komplikationen. "Dann stehen Kollegen oder ich am Bett, halten die Hand des Patienten und müssen zusehen, wie er stirbt, ohne dass man etwas tun kann." Das reibe einen sehr auf, denn schließlich seien Krankenpfleger eigentlich dafür da, Leute auf dem Weg der Heilung zu begleiten.


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Dass er sich selber anstecken könnte bei seiner Arbeit, dieser Gedanke ist natürlich da. Immer. Mal stärker, mal weniger stark. Koch hat seine Kontakte extrem eingeschränkt; seine Eltern hat er Weihnachten 2019 zum letzten Mal gesehen. Zu groß war ihm das Risiko, zu viele Väter und Mütter hat er sterben sehen, weil sie von ihren Kindern angesteckt worden waren.

Von der Gesellschaft würde er sich eine ähnliche Zurückhaltung wünschen. Wer nicht aufpasse, riskiere, jemanden anzustecken, der dann im schlimmsten Fall auf der Intensivstation lande und unter Umständen alleine und ohne seine Angehörigen dort sterbe.

Auch an die Politik hat Koch Erwartungen. Dass diese oft nur die Wirtschaft im Auge habe und Lockdowns im Hinblick auf Arbeitslosenzahlen oder Gewinneinbrüche vielleicht lockerer als nötig ausfallen, findet er "absolut absurd".

Für sich und seine Kollegen hätte er gerne etwas mehr Anerkennung. Gefreut haben ihn die Aktionen vom vergangenen Frühjahr, klar. Dass Menschen für die Pflegekräfte geklatscht, gesungen und getanzt haben, fand er einen guten Anfang. "Wir haben gemerkt, dass uns die Bevölkerung nicht vergisst." Längerfristig würde er sich aber wünschen, dass sich das auch auf seinem Gehaltszettel niederschlägt. Er hält beispielsweise die Aussetzung der Lohnsteuer für ein geeignetes Instrument, das zudem auch die Kliniken finanziell nicht belaste.

Vor allem möchte Koch nicht mehr so viele Hände von Sterbenden halten müssen, wie das in den vergangenen Monaten der Fall war. Und den Angehörigen sagen, dass er und seine Kollegen da sind für deren Tanten, Mütter, Onkel, Töchter, Söhne, Väter, Omas und Opas.