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Auch Fürth blickt nach Griechenland

Demonstranten forderten Solidarität — Zwei Griechen hoffen auf den Euro - 04.07.2015 11:00 Uhr

„Da zeigt sich das eiskalte Gesicht des Neoliberalismus“: In der Fußgängerzone unterstützten Sozialforum und Linkspartei den Kurs der griechischen Regierung. Foto: Winckler


„Wir sagen ,Nein’ zur Erpressung Griechenlands“ steht auf den Transparenten. Rund 30 Menschen haben sich trotz der drückenden Hitze, die einem Badeort auf Kreta zur Ehre gereichen würde, am Dreiherrenbrunnen in der Fußgängerzone versammelt. Den Passanten stecken sie Flugblätter zu, die untermauern sollen, warum die Griechen am Sonntag die Forderungen der Gläubiger mit einem „Oxi“ – also mit einem „Nein“ – ablehnen sollten.

Anny Heike von der Linkspartei spricht von einem Lügengebilde, das der Kapitalismus rund um die Krise gebaut habe. Mit der Erpressung Griechenlands zeige sich das eiskalte Gesicht des Neoliberalismus. „Was mit Griechenland passiert, können wir nicht zulassen. Wir rufen alle Griechen auf, mit ,Nein’ zu stimmen.“ Neben ihr steht Stephan Stadlbauer vom Sozialforum, der heute extra das blauweiße Fußballtrikot der griechischen Nationalmannschaft übergezogen hat. „Wir haben sehr kurzfristig, fast überhastet mobilisiert“, sagt er fast entschuldigend, fügt aber entschlossen an: „Es ist enorm wichtig, Stellung zu beziehen.“

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Höchstens 60 Euro am Tag: Griechenlands Banken machen dicht

Bis zum 6. Juli bleiben Griechenlands Banken geschlossen. Der finanzielle Kollaps der Institute soll damit vermieden werden. Es ist die Reaktion auf die Entscheidung der EZB, die Notkredite für die griechischen Banken einzufrieren. Für die Wirtschaft Griechenlands ist das Gift - für die Angst in der Bevölkerung ein Nährboden.


Der Fürther Georgios Deligeorgis ist frisch zurück von Kreta, wo er Urlaub gemacht und Freunde besucht hat. „Die Lage ist prekär“, sagt er und erzählt von seinen Versuchen, an Bargeld zu gelangen. An zehn Automaten habe er ein einziges Mal 100 Euro erhalten. Die Stimmung unter seinen Freunden ist angespannt, manche werden wohl mit „Ja“, andere mit „Nein“ stimmen.

Er selbst darf nicht, weil er in Deutschland lebt, sagt aber: „Ich sehe Griechenland in der Eurozone, auch wenn die Reformen hart sind, ist das langfristig der richtige Weg.“ Seinen griechischen Freunden, die anderer Meinung sind, wirft der gelernte Bankkaufmann vor: „Ihre jetzige Situation gefällt ihnen nicht, davon lassen sie sich leiten. Sie sehen aber nicht, dass es ohne den Euro noch viel schlimmer wird.“

Wie Geister

Während in der Innenstadt demonstriert wird, kümmert sich Kosta Panagos darum, dass es den Gästen des Billinganlagen-Fests an nichts mangelt. Auch der Betreiber der Ammschen Wirtschaft hat Kontakt zu Griechen in der Heimat. Seine Freunde erzählen ihm, die Menschen dort seien „wie Geister“, jeder sei in Gedanken, jeder sei nur mit sich selbst beschäftigt.

Panagos räumt eine gewisse Sprachlosigkeit ein. „Ich weiß selbst nicht mehr, was ich noch denken soll.“ Trotzdem steht für ihn fest: Die anderen europäischen Staaten sind nicht schuld an Griechenlands Tragödie. Die Banken seien das zum einen, zum anderen aber die Griechen selbst. „Die Griechen müssen sich ändern, der ganze Staat muss sich ändern“, stellt er klar.

Auch Panagos darf am Sonntag nicht abstimmen, er wollte es auch gar nicht. „Das sollen die da unten ruhig selbst entscheiden.“ Der Gastwirt hofft dennoch auf ein „Ja“ zu den Reformen, auch wenn diese weitere Einschnitte für die Bevölkerung mit sich bringen werden. Denn: „Wenn sich die Griechen dagegen aussprechen“, sagt Panagos, „fürchte ich, dass sie das die nächsten Jahre hart büßen werden.“

Johannes Alles

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