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Dienstag, 20.08.2019

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Bedrohte Vogelart: Knoblauchsland ist Kiebitz-Land

LBV-Mitglieder sind unterwegs, um Nester abzustecken - 29.06.2019 21:00 Uhr

Gar nicht so leicht zu entdecken sind die Nester: Deswegen stecken Mitglieder des Landesbunds für Vogelschutz Kiebitz-Brutorte auch regelmäßig ab. © Peter Höfler


Der Kiebitz und das Knoblauchsland – das passt einfach. Der Vogel fühlt sich wohl auf den Äckern im Fürther und Nürnberger Norden. Wie wohl, das sieht Peter Höfler, wenn er seinen Acker bestellt. Erst vor einigen Tagen hat der Landwirt und Kreisobmann des Bauernverbandes in Nürnberg eines seiner Felder neu bewirtschaftet – beobachtet von einem Kiebitz. Der zuckt auch nicht, als Höfler mit seinem Traktor nur wenige Furchen entfernt vorbeirattert. Der Bauer zückt also sein Smartphone und knipst den Vogel.

Auf seinem Handy hat er eine ganze Reihe von Kiebitz-Bildern, auch wenn auf manchen gar keine Vögel zu sehen sind, sondern Nester. Manche zwischen Gemüsepflanzen, andere auf freier Fläche. Sie zeigen: Entdeckt Höfler ein Nest auf seinem Feld, arbeitet er rundherum, um die Brut nicht zu gefährden.

Mit Erfolg, weiß Andreas von Lindeiner vom Landesbund für Vogelschutz. Er ist Fachbeauftragter beim Landesbund für Vogelschutz (LBV). Während die Kiebitz-Brutstätten in Bayern in den vergangenen Jahrzehnten um 80 Prozent abgenommen haben und der Vogel – wie berichtet – auch in Fürth in den vergangenen Jahren Lebensraum verlor, weil die von ihm geliebten Brachflächen zunehmend bebaut werden, zieht das Knoblauchsland die Tiere weiter an. "2014 haben wir 82 Brutpaare gezählt", sagt von Lindeiner, jetzt könnten es sogar 120 oder 130 sein, meint der Experte. Genau wissen es auch die Mitglieder des LBV nicht, die immerhin über 100 Neststandorte gefunden haben. "Aber es kann sich auch um Nachgelege desselben Brutpaares handeln."

Kiebitz-Junge sind Nestflüchter

Ein Nest aber macht noch keine Vögel, weiß von Lindeiner. Es könne sein, dass Küken nicht schlüpfen. "Wir haben erst drei von Regen geflutete Nester entdeckt", sagt von Lindeiner, "wenn ein Ei im Wasser schwimmt, dann ist es vorbei." Hinzu kommen natürliche Feinde. Kiebitz-Junge verlassen früh das Nest, bevor sie flügge sind. "Sie sind groß wie ein Tischtennisball, aber mit festen Beinen." Weil sie mobil sind, ist die Gefahr durch Krähen und Füchse groß.

Bleibt die Gefahr durch die Menschen? Diese versucht der LBV seit Jahren zu verringern, auch in Zusammenarbeit mit den Landwirten. Deshalb sind im Knoblauchsland LBV-Mitglieder unterwegs, um Nester zu lokalisieren und abzustecken. Auch eine Hilfe für Peter Höfler, denn nicht immer sind die Brutstätten für die Bauern gut zu erkennen. Und wenn sie eines sehen, "sparen wir es aus", spricht Höfler für sich und Kollegen. Ob für alle, ist Andreas von Lindeiner nicht sicher.

50 Euro pro Nest

Wer ein Nest übersieht, "dem ist kein Vorwurf zu machen", schließlich sind die Brutstätten erdfarben und gut getarnt. Wer aber bewusst über eines der Nester fährt, der verstößt sogar gegen das Naturschutzgesetz, weiß von Lindeiner. "Wir haben schon einmal überlegt, ob das nicht rechtliche Konsequenzen haben kann, also eine Anzeige", verrät der Experte. Vielmehr will man den Kiebitz "gut partnerschaftlich" schützen, sagt der Experte, der einen finanziellen Ausgleich für die Landwirte gerecht findet.

Davon hält Peter Höfler aber wenig, "auf die 50 Euro pro Nest auf den Feldern bin ich nicht angewiesen", sagt der Bauer. Wichtiger ist ihm, dass die Landwirte nicht von Naturschützern angegangen werden. "Wir kommen gut mit dem Kiebitz aus – und er fühlt sich wohl." Die Gründe dafür kennen Vogelexperte und Landwirt: Die Strukturvielfalt auf den Feldern ist gut für die Vögel, Maispflanzen oder Salatblätter geben Schutz. Vor allem aber benötigen Kiebitze Wasser, davon bietet das Knoblauchsland durch die Beregnung auch in trockenen Zeiten viel.

Vier Brutpaare gefährdet?

Zudem ist der Kiebitz ein Koloniebrüter, der die Nester gemeinsam verteidigt. Er meidet deshalb kleine und zersplitterte Gebiete. Hier aber ist Platz für viele Brutpaare. Noch, sagen Landwirte und Vogelschützer. Beide wehren sich gegen den von der Stadt Nürnberg geplanten "Bypass" in Schnepfenreuth. Die neue Querung soll die Bamberger und die Schleswiger Straße verbinden. "Total dagegen" ist Peter Höfler, der für den Erhalt der landwirtschaftlichen Flächen plädiert. Auch wegen der Vögel.

Laut LBV sind durch die Maßnahme vier Brutpaare und ein Weibchen gefährdet, genauso andere bedrohte Arten wie Rebhuhn, Schafstelze und Feldlerche. Der Ausbau habe eine "deutliche Kulissenwirkung in westlicher Richtung" zur Folge. "Funktionierende Ausgleichsmaßnahmen" habe es laut LBV in der Vergangenheit weder für Gewächshäuser noch für neue Bauflächen gegeben.

"Natürlich müssen wir ausreichend große Ersatzflächen schaffen", sagt Nürnbergs Baureferent Daniel Ulrich zum Vorwurf, "aber das tun wir immer." Auf den Flächen, die in Wetzendorf bebaut werden sollen, hat die Stadt ein potenzielles Brutpaar entdeckt, "die sind wesentliches Thema in der Planung". Die Ersatzflächen werden laut Ulrich "produktionsintegriert" geschaffen. "Wir bezahlen an manchen Stellen Landwirte, damit sie in kiebitzgerechter Weise wirtschaften."

Wer ein Kiebitz-Nest entdeckt, kann es dem LBV melden, der den Landwirt dann dafür sensibilisiert. Ansprechpartner in Fürth ist Rainer Poltz, Tel. (09 11) 13 04 99 49. Auch Spaziergänger und Hundehalter können den Kiebitz und andere Bodenbrüter schützen, indem sie auf Feldern und Wiesen im Frühling bis in den Juli auf den Wegen bleiben und Hunde anleinen. 

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