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Berührender Dachboden-Fund: Gretes Erinnerungsbuch

Ihre Jugend in den 30ern und 40ern hat Grete Arnodt festgehalten - unbemerkt von der Familie - 11.06.2020 16:00 Uhr

Auch der Sohn wusste nichts davon: Ernst und Angelika Arnodt mit dem Buch, das 60 Jahre verborgen war.

© Foto: Florian Burghardt


"Wir Kinder und Jugendliche hatten nie eine Wahl. Den Hitler haben unsere Eltern gewählt. Wir Kinder waren mittendrin. Wir hatten genauso wie Jugendliche aller Zeiten unsere Freuden und Träume, unsere Ängste und Sorgen." So schreibt Grete Arnodt, Geburtsjahr 1925, über ihre Jugend im Markt Erlbacher Ortsteil Linden. Sie erzählt kleine Schulanekdoten, berichtet von der Arbeit auf dem Bauernhof, vom frühen Tod des geliebten Vaters, von Nazi-Propaganda und dem Tag der Befreiung, ihrem 20. Geburtstag.


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"Sie hatte schon immer viel aufgeschrieben und fotografiert, aber von dem Buch wusste hier niemand etwas", sagt ihr Sohn Ernst Arnodt. Er fand es erst nach ihrem Tod im Frühjahr 2015 auf dem Dachboden seines Hofes im Obermichelbacher Ortsteil Rothenberg. 60 Jahre lang hatte seine Mutter hier gelebt. Beim Ausräumen der Wohnung haben er und seine Frau Angelika das gebundene Werk mit dem Titel "Unsere Jugend zwischen Kirche und braunen Kolonnen" entdeckt.

Es sei leicht zu lesen, aber schwer verdaulich, finden die Nachkommen. Schließlich lässt sie darin kaum etwas aus – weder die Schläge durch die eigene Mutter noch das schmerzhafte Teilen des wenigen Hab und Guts mit den Flüchtlingen und Heimkehrern aus der Kriegsgefangenschaft.

Nebenbei schreibt Grete Arnodt, immer wieder und eher beiläufig, von Schulkameraden und Freunden, die, kaum volljährig, dem Kriegstreiben zum Opfer gefallen sind.

Auch von der Kirche berichtet sie viel. "Der Pfarrer grüßte mit ‚Heil Hitler‘, betete für Führer, Volk und Vaterland, sprach aber nie über Politik. Erst später wurde mir klar, dass das seine ganz persönliche Art war, in dem System zurechtzukommen. Tief in seinem Herzen hat er früh das Gefährliche am Nationalsozialismus kommen sehen", schreibt sie.

Vieles weckt Erinnerungen bei der Enkelin

Vieles in dem Buch ihrer Großmutter, erzählt die Enkelin der Autorin, wecke bei ihr Erinnerungen. "An Geschichten, die mir meine Oma erzählt hat, als ich ein Kind war", sagt Andrea Tiefel. Sie arbeitet im Rathaus von Markt Erlbach. Dort hat das Werk ihrer Großmutter zum zweiten Mal für eine Überraschung gesorgt. "Vor ein paar Jahren habe ich plötzlich festgestellt, dass der Markt es als Souvenir verkauft. Meine Familie und ich konnten es erst gar nicht glauben", erinnert sie sich.

Nachfragen bei den Geschwistern ihrer Schwiegermutter hätten ergeben, dass diese zwar Verlage kontaktiert hatte, es aber nie verlegt wurde, berichtet Angelika Arnodt.

"Das ist ein tolles Zeitdokument"

Irgendwann habe sie es wohl binden und einige hundert Exemplare drucken lassen. "Vor ein paar Jahren hat uns ein Bürger auf das Buch aufmerksam gemacht und die Exemplare besorgt. Wegen der engen Verbindung zum Ortsteil Linden verkaufen wir es seitdem", erklärt Markt Erlbachs Bürgermeisterin, Birgit Kreß, auf Nachfrage der FN. Es handle sich dabei um ein tolles Zeitdokument. Ihre persönliche Lieblingsstelle sei die Ankunft der Amerikaner, so Kreß.

Dabei beschreibt Zeitzeugin Grete Arnodt den 15. April 1945. Etliche US-amerikanische Panzer waren in Linden zum Stehen gekommen. Die Familien hatten sich in die Keller ihrer Häuser geflüchtet. Bis zum Einbruch der Dunkelheit herrschte absolute Stille, doch irgendwann mussten die Tiere versorgt werden.

Unter den Augen einiger US-Soldaten sei ihr Stiefvater dann zu den Nachbarn gelaufen: "Bei den Tratz hatte eine Kuh gekalbt und mein Vater kam zum Helfen. Da hat der Amerikaner mit der Taschenlampe geleuchtet."

Florian Burghardt

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