Freitag, 16.04.2021

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Bittersüße Erinnerungen an Fürths alte Ottoschule

Eine Diskussionsrunde im Stadtmuseum schwelgte in Nostalgie - 09.09.2019 16:00 Uhr

So das alte Schulhaus aus, bevor es sich in Wohnraum und ins Stadtmuseum gewandelt hatte.

09.09.2019 © Kögler


Wer die Schulbank drückte, kann was erzählen. Vom Kratzen der Kreide auf einer Schiefertafel vielleicht. Von der aufkeimenden Panik vor einer Abfrage. Oder von der Duftmischung aus Schweiß und Deo in der Turnhalle. An ganz besondere Geschichten erinnerte man sich jetzt im Stadtmuseum: Bei den "Ottoschul-Storys" ging es zum Beispiel um den Brei, den es im Keller einst für hungrige Kinder gab und um die Schülerzeitung, die unter dem Dach tagte. Entdeckt wurde aber auch, dass sich auf dem Schulhof die eine oder andere Ehe anbahnte.

Anno 1869 galt die neue Ottoschule als Musterexemplar. Schließlich konnte sie mit ein paar aufsehenerregenden Errungenschaften punkten: Da waren das kindgerechte Mobiliar, das gute Licht, die großen Räume, die damals auffallend modernen Sanitäranlagen.

"Die hab’ ich dann auch noch kennengelernt, da waren sie nicht mehr ganz so modern", meint Michael Zill (47), einer von fünf Teilnehmern der Ottoschul-Runde im Rahmen der "Abend-Kultur" des Fürther Stadtmuseums, die von NN-Chefredakteur Alexander Jungkunz moderiert wurde.

Werner Ortner (84) wurde während des Zweiten Weltkriegs eingeschult. Er erinnert sich: "Unser Schulhof war streng geteilt. Eine Seite für die Jungen, eine für die Mädchen. In der Mitte standen die Lehrer." Von einem erhöhten Pult aus wurde unterrichtet. Wer nicht spurte, sagt Ortner, dem drohte Schlimmes: "Es gab noch die Prügelstrafe." Langeweile kam auch nach Schulschluss nicht auf: "Im Sommer sind wir ins Bad, im Winter rodeln. Dabei haben wir dann besprochen, was sonst noch läuft."

Keine Spuren mehr

Der Name "Ottoschule" hat sich im Gedächtnis der Fürther erhalten, auch als neben der Volksschule zudem eine Realschule und später ausschließlich die Leopold-Ullstein-Realschule hier untergebracht waren.

Nach Sanierung und Umbau gibt es seit 2007 in dem Gebäude mehrere Eigentumswohnungen und Raum für das Stadtmuseum. Auch wenn heute nahezu nichts mehr an die Schul-Zeit des Hauses erinnert, erkannten einige Diskussionsteilnehmer doch Vertrautes wieder. "Wir sitzen gerade in einem ehemaligen Klassenzimmer", erinnert sich Norbert Netuschil. Der 57-Jährige weiß noch: "Hinten in der Ecke wurde zu meiner Zeit ein erster Computer abgestellt und die Lehrerin meinte so: ,Ihr könnt’ den ja mal angucken...‘"

Sie blickten gemeinsam in die Vergangenheit: Moderator Alexander Jungkunz (Mitte) sprach im gut besuchten Stadtmuseum, dem ehemaligen Schulhaus, mit Werner Ortner (von links), Michael Zill, Andrea und Markus Tinter sowie Norbert Netuschil.

08.09.2019 © Foto: Thomas Scherer


Netuschil mochte damals auch das Umfeld der Ottoschule: "Gegenüber gab es den ,Lokschuppen‘, einen Eisenbahnladen. Das fand ich als Junge ganz toll." Seine Schulzeit empfindet er im Nachhinein als "einen Wechsel hin zur Moderne". Vieles habe sich in diesen Jahren verändert, auch im Lehrplan: "Wir hatten damals nicht nur Biologie, sondern ein Schuljahr lang ,Erziehungskunde‘ als Vorbereitung auf das Elterndasein." Ein Fach, das sich nicht lange hielt.

Andrea (47) und Markus (50) Tinter lernten sich in der Ottoschule kennen und "sind heute noch glücklich verheiratet". Markus Tinter schätzt die Zeit in der Realschule: "Das war das Praxisnächste, was ich im Lauf meiner Schuljahre erlebt habe." In sehr positiver Erinnerung ist Andrea Tinter, dass "einige Lehrer sehr umsichtig mit Problemen und Ängsten umgegangen sind, die einmal in der Klasse aufkamen". Ein Kompliment kommt auch von Michael Zill. Es gilt seinem Geschichtslehrer Hans Hertel, der bis 2010 auch Schulleiter war: "Er hat durch seinen Unterricht ein lebenslanges Interesse für Geschichte bei mir geweckt."

Zur Strafe eingesperrt

Die bis auf den letzten Platz besetzte Veranstaltung rief auch bei den Besuchern viele Erinnerungen hervor. Da wurde von den Schulspeisungen nach dem Krieg erzählt. Oder vom Karzer, einem fensterlosen Raum im Keller, in dem Schüler zur Strafe eingesperrt wurden. Ein Zuhörer berichtete: "Als ich hierher kam, stand das in der Zeitung unter der Überschrift: ,Das erste Gastarbeiterkind besucht die Schule.‘"

Ob in der Ottoschule fürs Leben gelernt wurde, erkundigte sich Alexander Jungkunz. Die Antwort fiel eindeutig aus: ein allgemeines Nicken. Die Jahre in diesem ganz besonderen Haus haben jeden geprägt. Und viele weitere "Ottoschul-Storys" warten darauf, erzählt zu werden.

Sabine Rempe

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