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Bizarre Kampagne

Fürth als Leuchtturm des Hofarchitekten Klenze - 28.11.2011 19:00 Uhr

Für ein „klenzendes Fürth“ begeistern sich bei Möbel Höffner (v. li.): Robert Leyh, Joachim Herrmann, Ursula Gräfin zu Pappenheim, Hänssche Weiss und Kerstin Perschl.

27.11.2011 © Joachim Sobczyk


Nicht etwa, dass Joachim Herrmann an diesem Freitagabend nichts Wichtigeres zu tun hätte. Aber wenn es darum geht, der Herrlichkeit des Königreiches Bayern zu huldigen, lässt sich der Minister natürlich nicht lumpen. Schließlich sei Klenze Ahnherr der von ihm befehligten obersten Baubehörde gewesen, auf die Herrmann mächtig stolz ist. Unter der Überschrift „klenzendes Fürth“ ließ er in der von Küchendampf geschwängerten Wartesaal-Atmosphäre zum neuerlichen Angriff auf einen Feind blasen, der sich feigerweise gar nicht zeigt.

Mittelprächtiger Sakralbau

Die Attacke reitet seit Jahrzehnten schon der tapfere Cadolzburger Historiker Robert Leyh. Er pocht darauf, dass die Fürther Frauenkirche ein Kind des Hofarchitekten selig Leo von Klenze (1784—1864) ist.

Die frühere Stadtheimatpflegerin Barbara Ohm hat es leichtsinnig einmal gewagt, Zweifel an seinem Vaterschaftstest anzumelden. Wobei nüchtern betrachtet in Fürth kein Hahn danach kräht, wer letztendlich verantwortlich für den mittelprächtigen Sakralbau vor dem Amtsgericht ist. Überhaupt: Mit derartigen akademischen Auseinandersetzungen belastet sich eine Stadt nicht wirklich, die auf dem Sprung zum Weltkulturerbe ist, oder zumindest ins Guinness Buch der Rekorde mit ihrer höchsten Denkmaldichte aller bayerischen Städte in Relation zur Einwohnerzahl. Doch wahre Klenze-Fans ficht solche Überheblichkeit nicht an.

Toiletten vergessen

In einer Zeremonie, die auch Priols „Anstalt“ zum Quantensprung bei der Quote verhelfen könnte, wurde mit Mitteln der freien Rede, der Zigeunermusik und des Laienspiels zur Ehrenrettung Klenzes ausgeholt. An prominenter Unterstützung mangelte es nicht.

Ihre Erlaucht Ursula Gräfin zu Pappenheim berichtete dem laut Dresscode in sportlich-eleganter Abendgarderobe erschienenen Publikum, dass Klenze auch das Neue Schloss in Pappenheim konstruiert, leider nur die Toiletten vergessen habe. Weshalb man sich in sogenannten Dunkelkammern mit Nachtgestühl behelfen musste. Leyh wiederum wusste, dass sich Klenze bei seinen Pappenheimern recht wohlgefühlt hat. Sogar seine Verdauung habe wesentlich besser funktioniert als in München. Wie der Hofarchitekt das mit den Toiletten dann auf die Reihe gebracht hat, bleibt dankbare Aufgabe vertiefender Forschungen.

Mit der Idee der Gründung eines Vereins zur Förderung von Kunst und Wissenschaft meldete sich Fürths CSU-Landtagsabgeordnete Petra Guttenberger freiwillig an die Klenzenfront. Man könne Forschungsaufträge vergeben und das Wirken des Hofarchitekten dem gemeinen Volk verklickern, meinte sie. Aber eigentlich sei das Lehys Idee gewesen, räumte sie später ein. Der wollte sich diesen Schuh aber auch nicht wirklich anziehen. Er verglich das Vereinsprojekt dennoch mit dem legendären Ironman in Roth. Faszinierend für ihn deshalb, weil der Tausende von Neugierigen mobilisiert hat.

Und als ob es noch eines Beweises der „klenzenden“ Perspektiven bedurfte, lieferten ihn Leyh und Mitspieler Andi Becker in den Rollen des Prinzregenten und dessen Spezis Klenze szenisch mit einem chaotisch improvisierten Besäufnis anno 1818 in Rom, wobei die berauschende Idee einer Königs- und Klenzekirche für Fürth geboren wurde.

Die Musik und das Resultat einstündiger Übung im Zusammenspiel steuerte übrigens kein Geringerer als Jazzgitarrist Hänssche Weiss im Verein mit der Wachendorfer Violinistin Kerstin Perschl bei.

Einziges Manko dieser denkwürdigen Veranstaltung: Die gesamte Fürther Stadtspitze hat sie sich ebenso entgehen lassen, wie der Stadtheimatpfleger, der Geschichtsverein und weitere mit der Historie der Kleeblattstadt befassten maßgeblichen Institutionen und Persönlichkeiten. Aber eigentlich sind diese auch völlig überflüssig, wenn ein Innenminister höchstselbst Fürth den Ritterschlag spendet. Ober sticht Unter. Auch das eine „klenzende“ Einrichtung.

Volker Dittmar

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