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Blume legt Amt nieder

Jüdische Gemeindevorsitzende: Persönliche Gründe - 26.03.2008

Gisela Naomi Blume ist zurückgetreten. © Hans Winckler


Ein kurz und sachlich gehaltenes Fax informierte die Öffentlichkeit gestern über den schwerwiegenden Schritt. Die Gründe seien persönlich - mehr wollte Gisela Naomi Blume auch bei telefonischer Nachfrage nicht sagen. «Das muss man akzeptieren», sagte Esther Halpert, Blumes Stellvertreterin in der Gemeinde.

Sicher ist: Die jüdische Gemeinde der Kleeblattstadt verliert mit Blume eine «außerordentlich engagierte Repräsentantin des jüdischen Lebens, eine außergewöhnliche Frau», bedauert Oberbürgermeister Thomas Jung den Rücktritt. «Man kann der Gemeinde nur wünschen, dass sie eine ähnlich aktive Nachfolgerin oder auch einen Nachfolger findet.»

Nur vorläufig?

Eine Meinung, die die Israelitische Kultusgemeinde teilt. «Es ist in meinem, in unserem Sinne, dass es so weitergeht», sagte Esther Halpert. Womöglich räumte sie ein, sei der Rücktritt «vorläufig». Wie es auch sei: In Kürze wird ein Nachrücker den fünfköpfigen Vorstand der Gemeinde - neben Gisela Naomi Blume und Esther Halpert gehören ihm Josef Okner, Alexandr Gerzon und Norbert Wild an - vervollständigen. Die Mitglieder wählen dann aus ihrem Kreis einen Vorsitzenden.

Seit einigen Monaten schon hatte sich Gisela Naomi Blume, die stets aktiv am gesellschaftlichen Leben Fürths teilgenommen hat, zurückgezogen. Sie sei auf Kur, hieß es. Rückblick: 1991 war Gisela Blume erstmals mit der Geschichte der Fürther Juden in Berührung gekommen, als sie das Moos von den Grabsteinen des 400 Jahre alten jüdischen Friedhofs an der Weiherstraße kratzte. Sie katalogisierte die Namen, erkundete Lebensgeschichten und nahm Kontakt zu den Nachfahren der Fürther Juden auf.

Dabei entstand ein Memorbuch, auch das 1997 eingeweihte Denkmal für die Fürther Opfer des Holocausts geht auf Blumes Initiative zurück. Mehr als eine Leidenschaft: Im Januar 2002 trat die frühere Christin zum Judentum über und lebt es als Gisela Naomi Blume seither orthodox. Sogar die koscheren Lebensmittel importierte die 69-Jährige mit dem eigenen Auto aus Straßburg.

Im September 2004 wurde die Konvertitin «mit einem Paukenschlag» - wie unsere Zeitung schrieb - zur Vorsitzenden der Gemeinde gewählt und folgte Chaim Rubinstein nach.

Jüdische Sicht

Die Aufgaben reichen von der Verwaltung der rund 500 Gemeindemitglieder zählenden Gemeinde und ihrer Liegenschaften über Veranstaltungen bis hin zur schwierigen Integrationsarbeit mit den Juden, die aus der ehemaligen Sowjetunion zugewandert sind und die heute den überwiegenden Teil der Gemeinde stellen. Noch nicht genannt sind die Repräsentationspflichten und die Stellungnahmen aus jüdischer Sicht zu allen Fragen der aktuellen Politik.

Außerdem hatte sich Gisela Naomi Blume ein Großprojekt aufgebürdet: Sie trommelte für die Restaurierung der einsturzgefährdeten Aussegnungshalle auf den neuen jüdischen Friedhof. Für die 1,1 Millionen Euro teuren Bauarbeiten ist bereits eine hohe Spendensumme zusammengekommen. Zudem veröffentlichte sie im Jubiläumsjahr noch das 400 Seiten starke Buch «Der alte jüdische Friedhof in Fürth». Ihr größter Fehler, merkte Gisela Naomi Blume einmal so scherzhaft wie selbstkritisch an, sei es, nicht Nein sagen zu können. 

Gabi Pfeiffer

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