Dienstag, 07.04.2020

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Corona: Die Stadthalle trifft es in Fürth am heftigsten

Das Virus macht etliche Veranstaltungen unmöglich - 10.03.2020 19:52 Uhr

Einspringer aus Lyon: La Compagnie Georges Momboye springt im Stadttheater ein für die Kibbutz Contemporary Dance Company, die wegen der Quarantänebestimmungen in der israelischen Heimat bleibt.


Die gute Nachricht zuerst, denn besonders viel weitere gute Nachrichten folgen an dieser Stelle nicht: Die Discomania hat einen neuen Termin. Die traditionsreiche Charivari-"Mega Party auf 4 Areas" nimmt einen neuen Anlauf am 10. Oktober. Am ursprünglich vorgesehenen Termin 21. März hingegen bleibt die Party-Location namens Stadthalle kalt – und das ist nicht das einzige Problem, das Stadthallen-Chef Robert Steinkugler am Dienstag die Laune gründlich verhagelt.


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Erst wenige Minuten alt ist die Order aus München, sämtliche Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern abzusagen. Bis zum Ende der Osterferien, 19. April. Es reichen aber wenige Sekunden, um zu realisieren, was das für die Stadthalle bedeutet. "Wir haben ausgerechnet bis Ostern einen randvollen Veranstaltungskalender", sagt der Chef. Dieser Kalender lichtet sich nun zügig.

Ist die Stadthalle bestuhlt, nehmen hier bis zu 1300 Zuschauer Platz, unbestuhlt packt der Saal 3500. Den Rest erledigt Adam Riese, und das heißt: Fat Freddy’s Drop am 16. März entfällt ebenso wie der fast ausverkaufte Tourstopp von Max Giesinger tags darauf und der russische Showman Max Barskih (18. März). Der seit langem restlos ausverkaufte Auftritt der Schweizer Rapperin Loredana am 24. März ist gecancelt, auch das Musical "Wie Gott mir, so ich dir!" (9. April). Wer Karten hat, kann sie dort abgeben, wo er sie gekauft hat.

Und dann wären da noch die zweitägige Radmesse Franken am kommenden Wochenende, zu der rund 3500 Gäste erwartet werden, die Messe "meinZuhause" (28./29. März) und die Naturheiltage Fürth (4./5. April). Für "meinZuhause" läuft der Plan einer Verlegung in den Juni. Neue Termine für die Radmesse und die Naturheiltage stehen, falls überhaupt und Stand gestern Nachmittag, noch nicht fest. Die Verfügung des bayerischen Kabinetts verbietet jedenfalls die Durchführung beider Veranstaltungen zum vorgesehenen Zeitpunkt.


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Wenigstens die Spaßfraktion darf aufatmen. Das Hessen-Duo Badesalz - Veranstalter ist die Comödie Fürth - kommt wie geplant am 20. März, hier ist der große Saal allerdings eh "nur" für 650 Besucher bestuhlt. Nicht beeinträchtigt sind derweil die Veranstaltungen im kleinen Saal, soweit sich die Veranstalter nicht selbst noch für eine Absage entscheiden. Das Fürther Kammerorchester jedenfalls spielt am 22. März aller Voraussicht nach wie geplant sein Jahreskonzert mit Werken Ludwig van Beethovens.

"Ich habe wenig Hoffnung, dass das alles bis Ostern ausgestanden ist", sagt ein frustrierter Steinkugler, der die Stadthalle seit 15 Jahren leitet. Allein die Absagen bis Mitte April bedeuten für das Haus Umsatzeinbußen in Höhe von "über 100.000 Euro". "Es betrifft uns massiv", auch Dienstleister und Gastronomie schauen bis auf Weiteres in die Röhre. "Wir hoffen, dass es Entschädigungen durch den Freistaat gibt. Mehr können wir zur Stunde nicht tun."

Einiges hat Robert Steinkugler in drei Stadthallen-Jahrzehnten erlebt; jedoch nichts, was auch nur annähernd vergleichbar wäre mit der Aufregung im März 2020. Als der Irakkrieg tobte, 1994, fiel der Fasching auch in Fürth ins Wasser, für die Stadthalle bedeutete dies: kein Jazz-Band-Ball. Mehr aber auch nicht.

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Mit 740 Plätzen fällt das Stadttheater definitiv nicht unter die 1000-Besucher-Order. Auch betrifft die am Dienstagnachmittag kommunizierte Maßnahme des Kunstministeriums, derzufolge staatliche Theater, Konzertsäle und Opernhäuser bis zum Osterferienende den Betrieb einzustellen haben, das Fürther Haus selbstredend nicht. Konsequenzen hat die aktuelle Lage dennoch. Die jüngsten Quarantänebestimmungen der israelischen Behörden sorgen etwa für die Absage der Kibbutz Contemporary Dance Company.

Das Gastspiel vom 25. bis 29. März bedient das mit fünf Abenden größte und begehrteste Abonnement des Hauses. Tanztheater im Stadttheater, das heißt stets aufs Neue: restlos ausverkauft. "Es wäre ein Riesending gewesen, wenn wir so viele Abonnenten hätten enttäuschen müssen", sagt denn auch Theater-Sprecher Christof Goger.

Der Fürther Hilferuf an die Agenturen, mit denen das Haus im Tanztheater-Segment kooperiert, wurde bereits am Montag erhört. Aus Lyon kommt - ebenfalls im Kibbutz-Gastspiel-Zeitfenster vom 25. bis 29. März - La Compagnie Georges Momboye, der Choreograf gilt als Gallionsfigur des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes. Für "Empreintes Massai" (Fußabdrücke der Massai) dienten ihm Kultur und Traditionen der Massai‐-Stämme Kenias und Tansanias als Inspirationsquelle.

Bereits gekaufte Karten für die Kibbutz Dance Company bleiben gültig, sie können aber auch zurückgegeben werden; das Stadttheater erstattet sie gegen den Kaufpreis bzw. gegen einen Umtauschschein. Wer als Abonnent bereits alle Umtauschscheine eingesetzt hat, bekommt trotzdem einen.

Ersatzlos gestrichen ist hingegen die "Matthäus-Passion-2727" am 4. April. Hier hätte die Kamea Dance Company aus Beer Sheva in Israel mitgewirkt – die bleibt wegen der Quarantänebestimmungen ebenfalls in der Heimat. Karten können die Theatergänger dort zurückgeben, wo sie sie gekauft haben.

"Sehr häufig", so Goger, klingeln seit dem Wochenende die Telefone, am anderen Ende Mitmenschen, die nachfragen, ob "ihre" Aufführung stattfindet. Was die Kartennachfrage für die nächsten Tage betrifft, "so haben wir schon größere Anstürme erlebt", die Kolleginnen und Kollegen an der Theaterkasse registrieren eine größere Zurückhaltung als sonst. Und wer drin ist, der lässt es dezenter angehen: Die Premierenfeier zu "Rückkehr in die Wüste" am Samstag, in normalen Zeiten ein Fall für eifrige Händeschüttler und Bussi-Bussi-Fans, sei "ein bisschen ein Eiertanz" gewesen. Etwa die Hälfte der Gäste habe körperkontaktlose Reserviertheit vorgezogen, so Goger.

Was alle weiteren Stadttheater-Gastspiele und -Programmpunkte bis Ostern betrifft, so baut man auf ein Publikum, das weiß, wie Händewaschen funktioniert, aber auch auf die Selbstverantwortung der Künstler. Logistisch sei es eh ein Ding der Unmöglichkeit, allen Mitwirkenden mit Blick auf deren Aufenthaltsorte der vergangenen Wochen auf den Zahn zu fühlen. Es gelte vielmehr abzuwarten, was die Künstler und deren Agenturen zu tun gedenken.

Matthias Boll

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