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Corona in Fürther Asylunterkunft: Fünf Wochen lang isoliert

Der Bayerische Flüchtlingsrat fordert kleinere Unterkünfte - 11.04.2021 06:00 Uhr

Im Ankerzentrum in Zirndorf gab es nach einem Ausbruch im Oktober 120 Corona-Fälle, die Quarantäne konnte im November beendet werden.

08.04.2021 © Foto: Thomas Scherer


33 Tage dauerte die Quarantäne für den dritten Stock diesmal. Mittte vergangener Woche wurden alle erneut getestet – wäre dabei ein neuer Corona-Fall festgestellt worden, hätten Junis (Name geändert) und ein paar weitere verbliebene Bewohner noch länger in der Isolation ausharren müssen. Zu siebt seien sie am Ende noch gewesen, sagt der junge Mann.

Das Stockwerk hatte sich mit der Zeit geleert, die positiv Getesteten verlegte die Regierung von Mittelfranken in eine Quarantäne-Unterkunft. Alle anderen galten automatisch als enge Kontaktpersonen, weil es in diesem Asylbewerberheim im Fürther Osten keine Zimmer mit Wasch- und Kochgelegenheit gibt, sondern nur Gemeinschaftsbäder und -küchen.

Junis ist heilfroh, dass er seine Freiheit zurückhat. Fünf Wochen lang gab es, obwohl er selbst mehrfach negativ getestet wurde, nur sein Zimmer und den Gang, auf dem wie in Küche und Bad FFP2-Maskenpflicht galt; mit den anderen Bewohnern habe er ohnehin keinen Kontakt. Weil die Isolation wegen neuer Ansteckungen immer wieder verlängert wurde, kam irgendwann ein bisschen Zeit im Hof dazu.

Zweimal täglich für je eine halbe Stunde durften sich Junis und die anderen dort aufhalten. Länger habe man es in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt nicht ermöglichen können, heißt es auf FN-Nachfrage seitens der Regierung, da der Hof auch für andere Menschen, etwa für Bewohner, die nicht mehr in Quarantäne waren, zugänglich sein sollte. Sprecher Martin Hartnagel weist darauf hin, dass auch viele andere Familien keinen Balkon oder Garten haben und somit während einer Quarantäne nicht nach draußen können.

Eingesperrt habe er sich gefühlt, erzählt Junis. Und er habe "Chancen verloren", andere, die arbeiten wollten, ebenso. Eigentlich hätte er ein Praktikum beginnen sollen. "Vielleicht hätte es zu einem Ausbildungsplatz geführt", sagt er. Er kann – ebenso wie der Bayerische Flüchtlingsrat – nicht nachvollziehen, warum es weiter große Sammelunterkünfte für Asylbewerber gibt, in denen sich das Coronavirus leicht verbreiten kann. Und er fragt sich: Würde mit anderen Menschen ebenso verfahren werden?

Flüchtlingsrat: Zu wenig Schutz

81 Männer wohnen in seiner Gemeinschaftsunterkunft, 24 Corona-Fälle verzeichnete das Gesundheitsamt diesmal. Es war der dritte Ausbruch. Im November gab es vier Wochen Quarantäne, berichtet Junis, im Januar zwei. Diesmal ging es am 4. März los, im dritten und vierten Stock. Der vierte wurde am 25. März aus der Quarantäne entlassen.

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Unterkünfte wie diese sind in der Pandemie unzureichend geschützt, kritisiert der Bayerische Flüchtlingsrat seit längerem. Leben auf engem Raum viele Menschen zusammen, die sich Zimmer, Küche, Bad und Toiletten teilen müssen, kann nicht nur das Virus leichter wüten; es müssen auch mehr Menschen die Isolation erdulden.


Reihentest im Ankerzentrum Bamberg: 55 Corona-Infektionen


Mehrere größere Ausbrüche in Ankerzentren haben in den vergangenen Monaten für Entsetzen gesorgt. Im Februar etwa waren in der Aufnahmestelle in Bamberg 75 Bewohner infiziert und mehr als 160 als Kontaktpersonen in Quarantäne. Als "menschenunwürdig" bezeichnete eine Pfarrerin die Zustände.

Das Ankerzentrum in Geldersheim bei Schweinfurt war im November schon zum vierten Mal abgeriegelt. Es war mit 709 Asylbewerbern belegt. Im Frühjahr 2020 hatte die Quarantäne dort zwei Monate gedauert, Bewohner protestierten.

Der Bayerische Flüchtlingsrat kritisierte die Hygienemaßnahmen in dem Lager heftig. Wo Menschen in Kantinen essen, sich WC-Anlagen teilen, komme es immer wieder zu neuen Infektionen und zur "Quarantäne in Endlosschleife".

Seit Beginn der Pandemie fordert die Organisation den Freistaat auf, die Bewohner "entzerrt" unterzubringen, etwa in Hotels oder Jugendherbergen. "Es bräuchte kleinere Unterkünfte", sagt Franziska Sauer vom Flüchtlingsrat.

Im Ankerzentrum in Zirndorf blieb es bislang bei einem größeren Ausbruch. Im Oktober infizierten sich nach Angaben der Regierung von Mittelfranken insgesamt 120 Bewohner, die Quarantäne endete im November. Seitdem seien Infektionen nur bei einigen neu angekommenen Asylbewerbern im Rahmen der Einreisequarantäne festgestellt worden.


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Von den sieben Unterkünften der Regierung in Fürth ist noch eine weitere nur mit Gemeinschaftsbädern und -küchen ausgestattet; zwei verfügen zumindest teilweise über abgeschlossene Wohneinheiten.

"Die Situation ist schwierig für alle"

Kommt es zu Infektionen, werde, soweit dies möglich ist, eine Entzerrung der Belegung vorgenommen, heißt es auf Nachfrage. Insbesondere vulnerable Personen versuche man gesondert oder in anderen Unterkünften unterzubringen.

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Regierungssprecher Martin Hufnagel weist darauf hin, dass die Bewohner oft über "gefestigte soziale Strukturen im Umfeld" verfügen; um diese nicht zu beeinträchtigen und die Belegung dauerhaft zu reduzieren, müsste man geeignete Unterkünfte in der Nähe finden, was sehr schwierig sei.

Junis zufolge war die lange Quarantäne gerade für psychisch angeschlagene Bewohner äußerst belastend. Flüchtlingsberaterinnen wie Irene Höllrigl von der Caritas konnten nur telefonisch Unterstützung anbieten. "Das ist für alle eine schwierige Situation", sagt sie.

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