"Überholte Handlungsanweisungen"

Corona-Inzidenz noch aussagekräftig? Fürther Experte spricht Klartext

25.7.2021, 16:51 Uhr
Bisher war der Inzidenzwert das wichtigste Kriterium für Verbote, Einschränkungen und Lockdown-Maßnahmen. Jetzt sollen zunehmend weitere Faktoren berücksichtigt werden.

Bisher war der Inzidenzwert das wichtigste Kriterium für Verbote, Einschränkungen und Lockdown-Maßnahmen. Jetzt sollen zunehmend weitere Faktoren berücksichtigt werden. © Foto: Rüdiger Wölk/imago

Die Sieben-Tage-Inzidenz gibt an, wie viele Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner festgestellt wurden.

Soll sie alleine dafür entscheidend sein, wo wir Masken tragen und Abstand halten müssen, ob es Konzerte oder Volksfeste geben darf, ob Geschäfte offen bleiben oder schließen? Oder sollte man jetzt, da immer mehr Menschen geimpft sind und die Zahl der schweren Krankheitsverläufe abgenommen hat, nicht auch andere Faktoren hinzuziehen?


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Der stellvertretende Pandemiebeauftragte des Klinikums Fürth, Prof. Dr. Harald Dormann, findet, dass man den Wert neu justieren und durch weitere Parameter ergänzen muss. "Wir sind heute in einer ganz anderen Situation als zu Beginn und zu den Hochzeiten der Corona-Pandemie", sagt Dormann. "Die vulnerablen Gruppen sind geimpft, ebenso ein großer Teil der Menschen mittleren Alters. Jetzt beginnt man, auch Jugendliche zu immunisieren."

Es sei inzwischen klar, dass die Impfung auch einen guten Schutz gegen die Delta-Variante bietet und es seltener zu schweren Verläufen kommt. Daher hält es der Mediziner für durchaus angebracht, über zusätzliche Messgrößen nachzudenken.

Praxen melden Laborwerte

Eine Möglichkeit ist zum Beispiel der Blick auf sogenannte Sentinelpraxen. Das sind Arztpraxen, die tagesaktuell das Auftreten von Atemwegsinfekten mit den positiven Labornachweisen an das Robert-Koch-Institut (RKI) melden. Was bisher vor allem ein Parameter für die Verbreitung von Influenzaviren war, gibt jetzt auch einen guten Überblick über das Auftreten von Covid-19.

Ein weiterer aussagekräftiger Wert ergibt sich laut Dormann aus der Covid-19-Surveillance (Überwachung) an den Krankenhäusern, Cosik genannt. Dafür melden die Kliniken einmal pro Woche, wie viele Covid-19-Patienten auf ihren Stationen liegen. "So kennen wir die Zahl der Fälle, die stationär behandelt werden müssen", betont der Arzt.


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Die Meldung sollte künftig tagesaktuell erfolgen, fordert er, weil sie Rückschlüsse zur Auslastung der Krankenhäuser zulässt – ebenso wie das Intensivbetten-Register Divi, das schon länger bei der Beurteilung der Pandemielage berücksichtigt wird, und der Bettenkapazitätsnachweis Ivena in der Metropolregion.

Auch künftig wichtig

Der Inzidenzwert wird laut Dormann aber auch künftig seine Berechtigung haben, weil er die Menge der Betroffen anzeigt, noch bevor sie ins Krankenhaus kommen. Er müsse eben neu eingeordnet werden. Wenn ab September die Zahl der Erkrankungen – wie es Berechnungen schon heute nahelegen – wieder exponentiell steigt, bedeute das nicht, dass die Kliniken so stark durch Covid-19 belastet sein werden, wie während der zweiten und dritten Welle. "Wir hoffen, dass es deutlich weniger schwere Verläufe geben wird", so Dormann, der aber klar sagt: "Bei einer sehr hohen Durchseuchung kann es trotzdem sein, dass die Zahl der Krankenhausaufenthalte nach oben schießt."

Er rechnet außerdem damit, dass sich im Herbst Noro- und Grippeviren wieder stärker ausbreiten. Durch Kontaktbeschränkungen und die stark gedrosselte Reisetätigkeit blieb es im letzten Jahr bei vergleichsweise niedrigen Zahlen. "In diesem Herbst und Winter gehe ich von einer relativ hohen Belastung des Klinikums durch diese Erkrankungen aus."

In Bezug auf die weitere Entwicklung der Corona-Pandemie hält er den Blick nach Israel und Großbritannien für wichtig und aufschlussreich: In beiden Ländern, die besonders schnell mit einer Immunisierung der Bevölkerung vorankamen, könne man beobachten, wie sich eine hohe Impfquote auf die Infektionszahlen und die Belastung des Gesundheitssystems, insbesondere der Krankenhäuser, auswirkt. "Das ist für uns eine Chance, etwas zu lernen. Aus den in Israel und England gesammelten Daten können wir eine neue Gewichtung von Werten und Parametern ableiten". Das ist Aufgabe der Expertenbeiräte, die mit Virologen, Epidemiologen, Klinikfachleuten und niedergelassenen Ärzten besetzt sind, sowie des Pandemierats der Bundesärztekammer.

Überholte Anweisungen

Wenn jeder ein Impfangebot bekommen hat, wird sich nach Ansicht des Mediziners auch hierzulande der Gedanke durchsetzen, dass man eine höhere Inzidenz akzeptieren könne und "man sich nicht in überholten Handlungsanweisungen verlieren" dürfe.

Das vorrangige Ziel sei es gewesen, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, um möglichst viele Leben zu retten. "Jetzt kommt ein zweites, ebenso wichtiges Ziel dazu: Man muss den Menschen ihre Normalität zurückgeben."