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Damals und heute: Die Heilstättensiedlung in Fürth

Baracken in Oberfürberg dienten lange Zeit als Flüchtlingslager - 06.12.2017 19:36 Uhr

Die Heilstättensiedlung kurz nach dem Krieg: In den lang gestreckten Baracken fanden bis zu zehn Familien Platz. © privat


Wenn Edith Rachor durch die Straßen läuft, kann sie sich noch genau erinnern. "Hier stand früher die Wirtschaft, die Eiche daneben wurde 1953 gepflanzt." Die 77-Jährige blickt auf einen weit verzweigten Baum am Rande das gepflasterten Gehwegs, um sie herum ragen mehrstöckige Wohngebäude in den Himmel, die besagte Eiche trägt noch wenige bunte Blätter.

Früher war der Blick an dieser Stelle freier, die Augen konnten fast unbehindert über den Platz vor dem Gasthaus "Neue Heimat" schweifen. Denn damals reihten sich nicht fünfgeschossige Häuser aneinander, sondern flache Baracken, in denen in der Nachkriegszeit viele Flüchtlinge aus dem heute tschechischen Sudetenland Unterkunft fanden.

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Damals und Heute: Rundgang durch die Heilstättensiedlung

Wer heute durch die Heilstättensiedlung in Oberfürberg läuft, kann sich kaum vorstellen, wie es dort in der Nachkriegszeit aussah. Denn statt mehrstöckiger Wohnblocks standen damals nur langgestreckte Baracken mit einfachen Mietwohnungen auf dem weitläufigen Gelände am Waldrand. Die boten ihren Bewohnern, hauptsächlich Flüchtlinge aus dem Sudetenland, für damalige Verhältnisse seltenen Luxus.


Edith Rachor zog 1948 mit ihrer Tante in die Heilstättensiedlung. Die damals Achtjährige kam mit ihrer Familie aus der Nähe von Komotau. Wie viele andere Geflüchtete aus dieser Gegend war sie zunächst im Kronacher Bunker untergebracht, bevor die Baracken zum Bezug freigegeben wurden. Ursprünglich war die Siedlung als Lager für Luftwaffenhelferinnen im Zweiten Weltkrieg gebaut worden, nach Kriegsende übernahmen die Amerikaner sie.

Die einfachen, eingeschossigen Gebäude, die anfangs mit dunkelgrüner Tarnfarbe gestrichen waren, boten Platz für jeweils zehn Wohnungen. "Es gab Wasseranschluss, aber keinen Abfluss für Toiletten", erinnert sich Rachor. Stattdessen wurden die Aborte zwei- bis dreimal im Jahr von der Stadt leer gepumpt.

Edith Rachor (in der Mitte, mit Zöpfen) kam als junges Mädchen in die Heilstättensiedlung – und lebt auch heute wieder dort. Die Familienwohnung in einer der Baracken hat sie allerdings gegen eine Bleibe in einem der Hochhäuser getauscht. © privat


"Es war schon eine schöne Zeit für uns", sagt sie. "Die Heilstättensiedlung war autark." Schule, Kindergarten, Ärzte, ein Konsum, die Gaststätte, ein Postamt, Handwerker, Friseur, das Naturfreundeheim – fast alles, was die Bewohner nötig hatten, war vorhanden. "Wenn ein Mieter starb, wurde gesammelt, davon hat man einen Bus bestellt, der die Trauernden zum Fürther Friedhof brachte", erzählt Rachor. Denn eine Busverbindung gab es erst ab Mitte der 1950er Jahre. Im Zentrum der Siedlung lag der "Dorfplatz", den die Bewohner für Feste und Veranstaltungen wie das Maibaumfällen nutzten, einem Brauch aus dem Sudetenland.

In den 70er Jahren wichen dann die ersten Baracken einer Reihe von mehrstöckigen Häusern, die entlang der heutigen Paul-Keller-Straße entstanden. Neben den Barackenzeilen verschwanden auch die 1948 errichteten Straßen: Die nach dem Dichter aus dem Sudetenland benannte Adalbert-Stifter-Straße, die direkt an den Baracken am Waldrand entlang führte, die nach dem Religionsphilosophen benannte Jakob-Böhme-Straße und dazwischen die kurze Sudetenstraße, später Schlesierstraße. Heute sind nur noch die Heilstättenstraße und die damals als Einfallstraße dienende Paul-Keller-Straße übrig, die ihren Namen von einem schlesischen Schriftsteller hat.

Hochhaustürme statt Barackensiedlung

Nach und nach errichtete die Bau- und Siedlungsgenossenschaft Volkswohl in der ganzen Siedlung neue Wohnhäuser, die letzten Baracken verschwanden 2015. Ein großer Aufwand war der Abriss nicht. "Das war Schlichtbauweise, ein Geschoss mit einem Dach, wie es in den 30er Jahren eben üblich war", sagt Volkswohl-Geschäftsführer Johann Zweier. "Der Bagger kam, hat sie weggeschoben und fertig." Vor kurzem wurden die vier neuesten Wohnblöcke direkt am Waldrand fertiggestellt, fünf Stockwerke, Keller, Betonfundament, Tiefgarage.

Auch wenn Rachor mit ihrem Mann in den 70er Jahren ebenfalls in eine der damals neu hochgezogenen Wohnbauten einzog: Die alten Baracken vermisst sie doch ein wenig.

Julia Ruhnau nordbayern.de E-Mail

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