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Mittwoch, 22.01.2020

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Das "Grüne Band" als Exportschlager

Interview mit dem Naturschützer Hubert Weiger - 12.12.2019 11:00 Uhr

Knapp 1400 Kilometer zieht sich das „Grüne Band“ auf der einstigen DDR-Staatsgrenze und erstreckt sich dabei über mehr als 100 verschiedene Biotoptypen. © Martin Schutt/dpa


Nachdem er im vergangenen Jahr bereits den Vorsitz des Bundes Naturschutz (BN) an Richard Mergner abgetreten hat, überließ der 71-jährige Fürther Hubert Weiger Anfang November den Vorsitz des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Olaf Brandt. Zeit für einen Rückblick.

 

Hubert Weiger wurde 1947 in Kaufbeuren geboren, er lebt seit 1979 in Fürth. Der Diplom-Forstwirt war 1972 der bundesweit erste Zivildienstleistende im Umweltschutz. Von 1992 bis 2002 fungierte er als Landesbeauftragter des BN. Den Landesverband leitete er anschließend bis 2018, von 2007 bis 2019 auch die Bundesorganisation BUND. © Sven Hoppe/dpa


Der Ruhestand ist offenbar nicht Ihr Ding. Und dann mussten es in den letzten zwölf Jahren auch noch zwei Ämter zugleich sein. Warum tut man sich so etwas an?

Angetrieben haben mich Konflikte zwischen dem bereits 1913 gegründeten, mitgliederstarken bayerischen BN und der erst 1975 ins Leben gerufenen Bundesorganisation. Ich wollte den Zwist um Fragen der Finanzierung und Dominanz lösen.

 

Und ist Ihnen das gelungen?

Ich glaube schon. Die Strukturdiskussion gehört der Vergangenheit an und die Finanzierung ist transparenter geworden.

 

Das erleichtert sicher den Abschied.

Natürlich. Und ich bin ja nicht ganz aus dem Spiel. Als Vorsitzender der Deutschen Naturschutzakademie mische ich mich weiterhin in die aktuellen Debatten ein.

 

Was steht dabei auf Ihrer Agenda?

Wichtig ist mir, die soziale mit der ökologischen Frage zu versöhnen. Einen Grundfehler unseres Denkens sehe ich in der Trennung von Natur- und Geisteswissenschaft. Kultur muss als tragende Säule der Nachhaltigkeit verstanden werden. Denn ohne Kultur haben wir nicht genug Kraft, um die gewaltigen Aufgaben des gesellschaftlichen Transformationsprozesses zum Umwelt- und Klimaschutz bewältigen zu können.

 

Worauf sind Sie im Rückblick stolz?

Darauf, dass ich zuletzt nahezu einstimmig wiedergewählt worden bin, und natürlich auf die erfolgreiche Initiative zum Schutz des innerdeutschen Grenzstreifens. Daraus hat sich ja ein europäisches Projekt entwickelt, das noch weiter ausstrahlt.

 

Wohin?

Nach Korea zum Beispiel. Ich bin schon mehrfach als Berater von Südkorea eingeladen worden. Dort hat man eine Bestandsaufnahme der Natur im 250 Kilometer langen und mehrere Kilometer breiten Grenzstreifen im Norden begonnen und festgestellt, dass hier rund zwei Drittel aller Tierarten Koreas leben.

 

Die Grenzöffnung zu Nordkorea ist aber noch Zukunftsmusik.

Ja, aber am Beispiel Deutschland kann man lernen, welche Chancen in so einem Projekt stecken, welchen Mut es den Menschen machen kann. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, wie wichtig es ist, dass so eine Entwicklung von allen Beteiligten auf Augenhöhe vorangetrieben wird. Auch aus den Fehlern der Wiedervereinigung kann man lernen.

 

Was bereitet Ihnen Sorgen?

Dass der Flächenverbrauch unvermindert anhält. Dabei ist ein intakter Boden doch die Lebensgrundlage für unsere Kinder und Enkel.

 

Da macht Fürth wohl keine Ausnahme?

Fürth ist ein Spiegelbild der allgemeinen Entwicklung. Sogenannter Lückenschluss geht auch hier allzu oft einher mit Zerstörung von Grün. Nur mit Bürgerprotest kann dem Einhalt geboten werden. Immerhin ist das Bewusstsein für den Wert der Flusstäler gewachsen. Wir müssen insgesamt noch intelligenter mit den Ressourcen umgehen.

 

Was können die Naturschutzverbände dazu beitragen?

Wir sind wesentlich flexibler geworden und können im digitalen Zeitalter schneller Kampagnen organisieren. Aber Schnelligkeit ist eben nicht alles. Entscheidungen wollen in demokratischen Strukturen auch gut abgewogen werden. Das Verständnis dafür schwindet jedoch in unserem beschleunigten Alltag.

 

Interview: Volker Dittmar

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