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Das schreiende Schweigen im Fürther Frauenmuseum

Eine Ausstellung widmet sich der kunstvollen Friedensarbeit - 29.05.2015 18:00 Uhr

Stiller Protest: Mit ihren Altären der Erinnerung ziehen Mütter, Schwestern und Ehefrauen schweigend durch mexikanische Städte. © Foto: Hans Winckler


Die Schau „Kriegssocken und Peacemakerinnen“ erläutert die unterschiedlichen Rollen von Frauen: Sie werden Gewalt-Opfer, sind Symbol der Kriegspropaganda, man setzt sie an der Heimatfront ein, sie warten auf die Soldaten – und haben damals auch Socken für sie gestrickt. Viele setzten sich aber auch für ein Ende des blutigen Schlachtens ein. Zudem informiert das Museum im Marstall des Burgfarrnbacher Schlosses über aktuelle Konflikte.

Alte Fotografien zeigen strickende Schulmädchen und Impressionen von jener legendären Frauen-Friedenskonferenz. Da sind aber auch Plakate der englischen Aktivistinnen von 1916 sowie die knapp 100 Jahre später entstandenen Bunkerbilder von Mara Loytved-Hardegg, die sie nach winzigen Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg malte und die einen ganz anderen Blick auf die Kriegsbauten am Ärmelkanal werfen. Der Beton ist in bunte Stückchen aufgelöst, die Gefahr erst auf den zweiten Blick erkennbar.

Die Iranerin Parastou Forouhar steuert unglaubliche Arbeiten bei. Zunächst könnte man meinen, Schmetterlinge oder harmonische, schöne Ornamente zu betrachten. Alles ist so beruhigend. Doch beim näheren Hinsehen handelt es sich um gefolterte Menschen, die gefesselt, verknäult, gequält werden. Die scheinbare Ordnung ist trügerisch: Wer sie durchbricht, bezahlt mit seinem Leben.

Ein furioses Brautkleid aus 5000 Plastik-Soldaten hat Anja Sonnenburg kreiert. Schlucken muss man vor ihrem Werk „Camouflage“, das aus Sandkasten-Spielformen für Kinder besteht – aber in Tarnmilitärfarben und als Bomben. Den gleichen ergreifenden Effekt hat ihre Arbeit „Syria Tracker“: In einem gezeichneten Straßennetz von Syrien sind mit glitzernden goldenen Punkten die Toten des Bürgerkriegs eingetragen.

Ebenso aktuell hat Annette Horn Fotografien von den Kämpfen in der Ukraine mit niedlichen Blumen- und Sehenswürdigkeiten-Briefmarken kontrastiert. Altäre der Erinnerung kommen aus Mexiko: Hier haben Frauen die Namen ihrer Verstorbenen auf Stoff gestickt und diesen in liebevoll geschmückten Kästchen in kleinen Häusern drapiert. Der Protest der Mütter, Schwestern, Ehefrauen geht lautlos vonstatten, wenn sie mit ihren Skulpturen im öffentlichen Raum auftauchen — stets schweigend, weil sie sonst selbst Probleme bekommen.

Das Forchheimer „Montagscafé“ für Flüchtlinge beteiligt sich mit einem kunstvollen Quilt, auf dem in vielen Sprachen ein „Nein“ zum Krieg verewigt ist. Auf einem Tisch liegen Bänder mit Namen von Frauen und Organisationen, die sich für ein friedliches Zusammenleben stark machen. Anfassen explizit erwünscht.

Berührend die Geschichten der hiesigen Aktivistinnen Hilde Faul-Gerber, einer Nürnbergerin, die im KZ Moringen saß und sich zeitlebens gegen rechten Ungeist einsetzte, und Hedwig Regnart-Laufer, einer Fürther Widerstandskämpferin, die in einem Kassiber aus Moringen schrieb: „Wenn etwas gewaltiger ist als das Schicksal, so ist es der Mut, der unerschütterlich trägt“. Ihre Kohlezeichnungen sind die wichtigsten Dokumente einer Ausstellung, durch die man stundenlang gehen kann.

„Kriegssocken und Peacemakerinnen“: Museum Frauenkultur Regional-International, Marstall des Schlosses Burgfarrnbach, Schlosshof 23. Donnerstags und freitags 14–18 Uhr, Wochenenden 11–17 Uhr. Bis 30. September. 

CLAUDIA SCHULLER

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