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Der Flaneur mit der Kamera

„Menschen auf der Straße“: Heinrich Lotter fotografierte 40 Jahre lang die Fürther - 07.09.2011 16:00 Uhr

Auf dem Pflaster sitzende Jungen werden zum Ausdruck ihrer Epoche. Das Leben in Fürth nach der vorvergangenen Jahrhundertwende hat Heinrich Lotter mit dem Fotoapparat eingefangen. Das persönliche Spektrum ermöglicht es heutigen Betrachtern, Einblicke in einen Alltag zu gewinnen, die Geschichtsbücher nicht liefern können. © Heinrich Lotter


Lottospieler wissen, welche Qualen die Wahl von 6 aus 49 bereiten kann. Leicht nachzuvollziehen also, vor welcher Aufgabe die ehrenamtlichen Helfer Ingelore Barthelmäs, Peter Frank und Herbert Jungkunz standen, die gemeinsam mit Stadtarchiv-Chef Martin Schramm und Stadtbibliothekarin Ingrid Baier aus rund 4000 Fotos eine Auslese für die Ausstellung treffen mussten.

Knapp zwei Jahre währten die Vorbereitungen zu „Menschen auf der Straße“. Klug investierte Zeit, in der hingebungsvoll gesichtet, katalogisiert und Themengruppen gewählt wurden. Zuvor waren die Fotoflut von Lothar Berthold digitalisiert worden. Was die Besucher jetzt im Schloss erwartet, ist ein unglaublich faszinierender Blick in eine vergangene Welt. Auf Lotters Bildern wird Fürth so, wie es zu Anfang des 20. Jahrhunderts war, noch einmal lebendig.

Heinrich Lotter, geboren 1871 war ursprünglich Bäcker und Lebküchner — eine Profession, für die er augenscheinlich wenig Leidenschaft empfand und die er deshalb lieber seinem Bruder überließ. Er wurde zum Privatier und flanierte mit der Kamera unablässig durch Fürth.

Zeitgenossen nannten den Junggesellen verschroben, ja, exzentrisch. „Recht unverträglich“ soll er gewesen sein, doch seine Fotos sprechen eigentlich eine andere Sprache. Offen und unbefangen blicken die Menschen in seine Kamera, stellen sich erstaunlicherweise kaum je in Positur. Seine Aufnahmen sind deshalb von verblüffender Natürlichkeit.

Alltag festgehalten

Da ist das elegante Paar, vertieft in eine Unterhaltung, die die Federn auf dem ausladenden Hut der Dame zum Wippen bringt. Kinder in Knopfstiefeln, Matrosenanzug oder weißem Spitzenkleid trippeln artig beim Sonntagsspaziergang durch die Straßen. Kecke Fräuleins schauen neckisch aus braven Rüschen — das ist eine Seite von Fürth. Zur anderen gehört die Waschfrau im Hinterhof, die mühsam in einem Zuber die Wäsche schrubbt. Die alte Marktfrau, die in der Huckelkeetz, dem Tragekorb auf dem Rücken, ihr Warenangebot verstaut hat. Unter der Stuckdecken-Herrlichkeit des Hotels Kütt (heute „Süße Freiheit“) wartet ein Kellner beflissen auf Kundschaft. Sein Schnurrbart signalisiert frisch gestärkten Optimismus.

Vier Freundinnen müsst ihr sein: Spaziergängerinnen im Sommerlook. © Heinrich Lotter


„Wir wollten nicht einfach Bilder aus der ,guten, alten Zeit‘ zeigen“, sagen Peter Frank (67), Herbert Jungkunz (77) und Ingelore Barthelmäs (67). Stattdessen hat das engagierte Trio mit Bedacht denkbar facettenreiche Fotos für die Schau ausgesucht. Dazu gehören auch die Aufnahmen, die Heinrich Lotter zwischen 1934/35 machte: Bitterböse antisemitische Hetzparolen, die wahrscheinlich bei einem Faschingszug skrupellos durch die Stadt gefahren wurden. Er fotografierte das „Braune Haus“ in der Nürnberger Straße 7. Oder das mit Symbolen der NS-Diktatur behangene ehemaligen Hotel National (später Park Hotel), als dort in den „Luitpold Lichtspielen“ Riefenstahls Propagandafilm „Triumph des Willens“ gezeigt wurde. 

Aufruf zur Bildzuordnung

Heinrich Lotter starb 1950, seine Fotos — heute sind sie im Stadtarchiv untergebracht — erbte Herbert Jungkunz von einem Großonkel. Lotter war ganz zweifellos ein großartiger Fotograf, der ein wunderbar authentisches Bild seiner Heimatstadt hinterließ. Ein begnadeter Archivar war Lotter nicht. Kaum ein Bild ist einem Datum zuzuordnen, die Abgebildeten — unverkennbar zum Beispiel Ludwig Erhard im Alter von 14 Jahren — sind so gut wie nie benannt. Nicht immer lassen sich die Straßen, Höfe, Gassen zweifelsfrei zuordnen. Deshalb bitten die Ausstellungsmacher jetzt um Hilfe: „Wir hoffen, dass Besucher noch einige der Fotografierten kennen oder vielleicht mehr zu den Bildern wissen.“ Ein dickes Notizbuch liegt zum Festhalten solcher Informationen in der Ausstellung bereit.

Doch selbst wenn die meisten Fürther auf diesen einmaligen Fotos namenlos bleiben sollten — ihre Porträts sind beredt genug und erlauben einen äußerst spannenden Blick in die Vergangenheit.

"Menschen auf der Straße — ein Bummel durch vier Jahrzehnte (1900–1940)": Schloss Burgfarrnbach, Schlosshof 12. Montags bis donnerstags 9-16 Uhr. Einzelne Fotos können für 10 Euro ausgedruckt werden. Bis 25. Oktober. 

Bilderstrecke zum Thema

Historische Fürther Fotografien von Heinrich Lotter

Eine Ausstellung im Schloss Burgfarrnbach zeigte 2011 historische Fotografien des Fürther Fotografen Heinrich Lotter unter dem Titel "Menschen auf der Straße - Ein Bummel durch vier Jahrzehnte".




  

SABINE REMPE

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