Neue Stele

Der vergessene Völkermord: Denkmal für Fürths Sinti

11.5.2021, 16:00 Uhr
Den Opfern zum Gedenken: Steinmetz Peter Stutzmann, OB Thomas Jung, Erich Schneeberger (Vorsitzender des Verbands Deutscher Sinti und Roma in Bayern) und Roberto Paskowski (stellvertretender Landesvorsitzender, von rechts nach links) enthüllen am Samstag die Stele neben dem Brunnen am Löwenplatz.

Den Opfern zum Gedenken: Steinmetz Peter Stutzmann, OB Thomas Jung, Erich Schneeberger (Vorsitzender des Verbands Deutscher Sinti und Roma in Bayern) und Roberto Paskowski (stellvertretender Landesvorsitzender, von rechts nach links) enthüllen am Samstag die Stele neben dem Brunnen am Löwenplatz. © Foto: Armin Leberzammer

Mindestens acht Fürther Sinti haben die Nationalsozialisten in der Zeit zwischen 1943 und 1945 ermordet. An ihr Schicksal erinnert nun eine Gedenkstele auf dem Löwenplatz.

"Der passende Standort und der passende Tag", wie Oberbürgermeister Thomas Jung bei der Enthüllung des Mahnmals betonte. Schließlich war der Gänsberg einst Heimat für viele Sinti-Familien. Und da ist der 8. Mai, als Tag der Befreiung vom NS-Terror, ein geeignetes Datum, um an das Unrecht zu erinnern, das damals auch den Sinti und Roma widerfuhr.


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Erich Schneeberger, der Landesvorsitzende des Verbands Deutscher Sinti und Roma, mahnte allerdings, dass viele Verfolgte die Kapitulation NS-Deutschlands am 8. Mai 1945 entweder nicht mehr erlebten oder in den folgenden Jahrzehnten weiter unter Diskriminierungen zu leiden hatten.

Noch 1956 befand etwa der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe, dass Sinti und Roma nicht aus rassistischen, sondern aus polizeilichen Gründen verfolgt worden seien – eine neuerliche Erniedrigung, für die der BGH erst 2016 um Entschuldigung bat. "Angesichts der völligen Verkennung der Werte des Grundgesetzes und des Zwecks der Entschädigung für unendliches Leid kann ich mich dafür allerdings nur schämen", erklärte damals die BGH-Präsidentin Bettina Limperg.

In der NS-Vernichtung gipfelte die zum Teil jahrhundertelange Verfolgung und Unterdrückung der Sinti, wofür acht in Auschwitz ermordete Fürtherinnen und Fürther exemplarisch stehen. Eine Zahl, die im Übrigen nur die durch Fakten belegte Untergrenze der Getöteten markiert. "Das Schicksal der meisten anderen bleibt im Dunkeln", so Schneeberger.

Kleinkinder ermordet

Oberbürgermeister Jung erinnerte an die Familie Weggel. Sie wurde zwar nicht deportiert und konnte in ihrem Wohnhaus in der Würzburger Straße bleiben. Jedoch starben kurz vor Kriegsende innerhalb weniger Monate drei Kleinkinder im Wöchnerinnenheim Fürth, wie das Nathanstift damals hieß. Offiziell an Lungenentzündung. In Wirklichkeit dürften sie ermordet worden seien. Eine "unfassbar grausame" Tat, so Jung.

An sie wie an die anderen Verfolgten erinnert nun die Stele mit der Inschrift "Zum Gedenken an die Fürther Sinti, die dem nationalsozialistischen Völkermord in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern zum Opfer fielen". Künstlerisch verantwortlich für das markante Werk zeichnet das Fürther Steinmetz- und Bildhauer-Paar Angelika Stutzmann-Häuser und Peter Stutzmann. Es sei ihm eine Ehre, damit an den "vergessenen Völkermord" von einer halben Million Sinti und Roma erinnern zu dürfen, sagte Stutzmann, der vor 20 Jahren den Kulturförderpreis der Stadt Fürth erhielt.

Vorurteile bis heute

Das Schicksal dieser Minderheit sei ihm in diesem Maß nicht bekannt gewesen. Zwangssterilisationen, medizinische Versuche und Ermordungen im sogenannten "Zigeunerlager" von Auschwitz waren seinerzeit an der Tagesordnung. Leider, so Stutzmann, gebe es bis heute Vorurteile über die Sinti. Sie seien doch selbst schuld an ihrer Verfolgung, habe er während seiner Arbeit an der Stele mitunter zu hören bekommen. "Es ist daher heute noch immer notwendig, daran zu erinnern, was geschehen ist. Denn wie können denn 500.000 Menschen selbst schuld an ihrer Ermordung sein?"

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