Dienstag, 22.10.2019

|

Die Gassen haben das Feld geräumt

Im Fürther Stadtgebiet sind nur wenige der kurzen und engen Wege erhalten geblieben - 16.09.2010 16:00 Uhr

Neben der Schindelgasse hat sich in der Innenstadt nur die Pfarrgasse den Charme erhalten, der zu ihrer Bezeichnung passt. © Hans-Joachim Winckler


Eine Gasse, das war früher ein kurzes Stück Stadt oder Dorf, eng und begrenzt von überschaubarer Bebauung oder von verschachtelt einander bedrängenden Gebäuden; manchmal nur der Wurmfortsatz eines breiten Weges; mitunter noch ungepflastert, wenn doch, dann mit holprigen steinernen Katzenköpfen; muffig, schmutzig, bedrückend und doch auf eine eigentümliche Art gemütlich; schwach beleuchtet in der Nacht, ins Abseits oder in irgendeinen dunklen Hof führend.

Auf einem Fürther Stadtplan von 1819 wimmelt es nur so von ihnen: Rosen-, Schrot-, Heiligen-, Fischer-, Neue-, Alexander-, Sternbecken-, Vordere und Hintere Wasser-, Markgräfische-, Schinder- oder Schlehengasse heißen sie. Eine andere war wohl noch unscheinbarer als bedeutungslos und hieß nur Helmplattengässlein; zur Königstraße führte bis zum Abriss des alten Gänsbergs von der längst planierten Bergstraße eine Art Schleichweg durch düsteres Terrain und wurde trotzdem von den Fürthern liebevoll Perlmuttergässchen genannt. Die heutige Gustavstraße war, bevor sie für lange Zeit verkehrstosende Bundesstraße wurde und dann kneipenbeunruhigte Vergnügungsmeile, einst die Bauerngasse, ein paar dörfliche Hundert Meter inmitten der Stadt, nicht nur dem Namen nach.

Die Gasse hatte eine ganz andere Funktion als die ungleich größere, bedeutendere Straße, die von weit her übers Land kam, in die Mitte der Stadt führte und ebenso schnurstracks wieder hinaus; wo sich Geschäfte ansiedelten, wo man flanierte und hastete, wo eine Ordnung herrschte und überwachend hergestellt wurde. Die Gasse dagegen blieb in ihrem begrenzten Areal, und war doch unberechenbarer. In ihr spielte sich Leben ab, sie war ein unkontrollierter Ort irgendwo zwischen Zuhause und Öffentlichkeit. Man ging ja auch „auf“ die Gasse, hinaus also auf den Präsentierteller: Hier blieb nichts verborgen, alles war den Blicken und den Ohren preisgegeben, sie war ein großes Zimmer für die Anwohner, die in ihren düsteren und winzigen Wohnungen nie über ausreichenden Raum verfügten. So schmal war sie manchmal, dass man sich über sie hinweg von der einen Behausung zur gegenüberliegenden die Hand reichen konnte.

Hätte es woanders den Gassenjungen geben können, der nur im Schutz des Labyrinths aus Höfen und verwirrenden Abzweigungen den Mut für sein Unwesen fand? Der Gassenhauer, ehedem ein stegreifkomponiertes und -getextetes Spottlied, lebte auch am Gänsberg von der Intimität des Gebietes, wo jeder jeden kannte und sich jeder über jeden das Maul zerriss. Die Gassenschänke erreichte man in Hausschlappen, hieß sie nun „Kaltes Loch“, „Letzter Heller“ oder „Goldene Hacke“. Das kleine Fenster, durch das man Bier im mitgebrachten Krug zurückgereicht bekam, gab von außen den Blick frei hinein in die Wirtschaft, die auch nichts anders war als ein Wohnzimmer. Und was wäre der Hansdampf, der stets ungebeten überall auftauchte, ohne die kurzen Wege all der Gassen gewesen?

Als man da, wo der Gänsberg einst war, wieder neu baute, versuchte man in etwa die alte Topografie des Geländes zu bewahren, mit dem Löwenplatz in der Mitte und den von der Königstraße ausgehenden – ja: tatsächlich Gassen. Man ließ ihnen nostalgisch gesinnt und vielleicht auch wegen eines etwas schlechten Gewissens die alten Namen.

Geleckter Charme

Und so führen heute noch tatsächlich Geleitsgasse oder Markgrafengasse durch die moderne Architektur. Aber ihr Aussehen hat mit ihren Vorgängern nichts mehr gemein: Sie sind viel zu breit für eine echte Gasse, sind unbefahren und lärmabweisend, werden jäh und unerwartet zu Plätzen, gar zu Grünflächen, wo früher Grau vorherrschte, haben den geleckten Charme von leergefegten Fußgängerzonen, in die kein Leben und Treiben aus den Häusern ringsum mehr schwappt.

Nur mehr in den Vororten, in Burgfarrnbach, Poppenreuth oder Stadeln, trifft man auf wirkliche Gassen, die immer noch Hirten oder gar dem Schnee gewidmet sind. In der Innenstadt dagegen haben sich neben dem Namen allein die Pfarrgasse und die Schindelgasse den Charme erhalten können, der zu ihrer alten Ortsbezeichnung passt. Und ein Unikum bleibt die Waagstraße, die so hartnäckig und gar nicht katasterkonform Waaggasse genannt wird, wie der Marktplatz unbeirrt Grüner Markt.

Ach ja: die Hunde, von denen es in der Fürther Altstadt bekanntlich mehr als genug gibt, werden morgens und abends übrigens immer noch „Gassi“ geführt. Klingt halt bei all der Veränderung doch irgendwie besser als wenn man sagen würde: „Ich geh’ nochmal schnell mit Waldi Straßi...“

 

Bernd Noack

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus: Fürth