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Die Küche als Hobbykeller des Mannes?

Prof. Gudrun Cyprian hat in der Schau „ausgekocht?“ im Fürther Frauenmuseum die Geschlechterrolle und die Folgen des Fertigkonsums beleuchtet - 22.06.2017 18:00 Uhr

Gudrun Cyprian (r.) aus Nürnberg ist emeritierte Professorin für Soziologie an der Universität Bamberg und eine Vorsitzende des Trägervereins Frauenmuseum Fürth. Hier steht sie mit der ehemaligen Bundesfamilienministerin Renate Schmidt vor einer früheren Ausstellung im Schloss Burgfarrnbach. © Hans-Joachim Winckler


Frau Cyprian, für die tägliche Nahrung zu sorgen, war jahrhundertelang eine Kernaufgabe von Frauen. Das hat sich in dem Moment geändert, als sich die klassischen Familienstrukturen zu verändern begannen. In Single-Haushalten und Patchworkfamilien ist es eben nicht mehr nur die Mutter oder Oma, die das Mittagessen für alle richtet.
Gudrun Cyprian: Ja, es tut sich eine ganze Menge. Gemeinsame Mahlzeiten gibt es in den Familien immer weniger. Sie werden ausgelagert in Mensen und Kantinen. Und wir merken, dass inzwischen auch seltener daheim gefrühstückt wird. Zudem entwickeln wir uns von der Herd-Kultur zu Kühlschrank-Kultur. Der wird inzwischen häufiger geöffnet, als der Herd in Betrieb gesetzt wird. Damit werden auch unsere Essenszeiten beliebiger. Wir zeigen übrigens deshalb in unserer Ausstellung einen Kühlschrank als Lichtobjekt. Es sieht nun so aus, dass nicht nur Herr Nestlé in Form von Fertiggerichten in die heimische Küche kommt, sondern auch der reale Mann.
Na endlich, der Mann schwingt Kartoffelschäler und Nudelholz?
Cyprian: Schon, immer öfter. Aber die Küche kann auch schnell zum Konfliktfeld werden: Während Frauen immer noch häufig das tägliche „Versorgungskochen“ unter Zeitdruck absolvieren müssen, kann der Mann am Wochenende den phantastischen Koch geben.
Ist das nicht eine allzu emanzipatorische Sicht: Der Mann, der sich beim Kochen verwirklicht? Männer stellen sich heute auch an den Herd, weil sie Kinder versorgen müssen.
Cyprian: Wir zeigen plakativ, was passiert ist, und haben deshalb fünf Schürzen aufgehängt, auf die wir Motive von Männern notiert haben. Darauf steht zum Beispiel, dass Männer kochen, um Frauen zu entlasten. Oder Sie finden diese Sätze: „Die Küche, mein Hobbykeller“, „Durch Kochen kann ich verführen“. Der Gender-Aspekt wird durch wissenschaftliche Untersuchungen, die wir zugrunde gelegt haben, untermauert.
Essen Männer auch anders?
Cyprian: Ja, Männer essen schneller, mehr und schärfer. Hochinteressant ist, dass Frauen sehr viel kontrollierter essen und fragen: Ist das gesund, nehme ich davon auch nicht zu?
Es geht in der Schau, die Sie zusammen mit Prof. Gaby Franger-Huhle aus Nürnberg konzipiert haben, die über internationale Beziehungen und Menschenrechte arbeitet, auch um internationale Aspekte der Ernährung. Aber Essen als Mittel zum Friedensschluss, ist das nicht arg weit hergeholt?
Cyprian: Nein, keineswegs. Wir haben in Afrika verfeindete Gruppen, die versuchen, sich durch ihre Kochgewohnheiten näher zu kommen. Wir erleben Kochen als Mittel für interkulturellen Austausch bei uns. Essen zuzubereiten, ist eine phantastische Form, um sich gegenseitig kennen zu lernen. Denken Sie nur an die Projekte mit Flüchtlingen. Da wird gleichzeitig geschnibbelt und Deutsch gelernt. Und schauen Sie sich Hausgemeinschaften an, die jetzt einen gemeinsamen Grillabend veranstalten. Das sorgt für neues soziales Gepräge.
Sie werfen auch einen kritischen Blick auf die Nahrungsmittelproduktion. Schwer verdauliche Kost, die Sie da servieren, oder?
Cyprian: Wir schildern schlicht, was unsere Art einzukaufen für Effekte in anderen Ländern erzeugt. Denn das hat enorme Konsequenzen, über die wir uns vielleicht gar nicht im Klaren sind: Kleine bäuerliche Betriebe in Lateinamerika und Südostasien gehen stark zurück, weil die Lebensmittelindustrie einen enormen Bedarf an Flächen für den Soja- und Maisanbau benötigt. Das geht oftmals wieder zu Lasten von Frauen, die — wie in Afrika — die Verantwortung für die Kleinbetriebe haben. Das ist es, war wir aufzeigen: Kochen und Essen hat seine moralische Unschuld verloren. 

Elke Grasser-Reitzner Nürnberger Nachrichten

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