Die Stunde der Wahrheit

27.6.2012, 16:00 Uhr
Grüße aus Danzig: La-Palma-Inhaber Gianni Minneci mit der Postkarte der deutschen Nationalmannschaft.

Grüße aus Danzig: La-Palma-Inhaber Gianni Minneci mit der Postkarte der deutschen Nationalmannschaft. © Winckler

Die Postkarte, die vor kurzem im Briefkasten des Restaurants La Palma in der Fürther Karlstraße landete, kam aus Danzig: Die DFB-Elf hat Grüße an Gianni Minneci geschickt, der sie schon einmal bewirtet hat und ihr die Daumen drückt, wann immer es geht. Morgen freilich geht es nicht. Morgen spielt Italien gegen Deutschland.

Solche Tage sind „immer unangenehm“, sagt Minneci. Der 53-Jährige, kann dann nicht mehr unbekümmert mit seinem Freund Andy Köpke jubeln, wenn für Deutschland ein Tor fällt. Wenn Deutschland gegen Italien spielt, hat Minneci keine Wahl: „Mein Herz schlägt mehr für Italien.“ Es ist ein Gefühl, das sich nicht überlisten lässt — auch nach 39 Jahren nicht.

1973 kehrte Minneci seinem sizilianischen Heimatdorf den Rücken, in dessen Straßen er als Junge mit Freunden kickte. Seitdem ist Deutschland sein Zuhause. Es ist ein tolles Land, „in dem jeder Gast die Chance hat, etwas zu machen“, sagt er. Sechs Geschwister sind ihm über die Alpen gefolgt.

Ein 2:1 für Italien prophezeit der Wirt, der bei der letzten großen Begegnung der beiden Teams im Stadion saß: Es war die WM 2006, das Halbfinale. Auf dem Weg zum Dortmunder Stadion prophezeiten Freunde, dass er traurig zurückkehren würde, doch dann gewann Italien 2:0 — für Deutschland war das Sommermärchen zu Ende. Minneci aber war glücklich.

Per SMS will er vor dem morgigen Spiel noch Bundestorwarttrainer Andy Köpke alles Gute wünschen, der früher im Tor des 1. FC Nürnberg stand und mit dem ihm eine lange Freundschaft verbindet. „Wenn er zurückkommt, werden wir zusammen feiern.“ Egal, wie es ausgeht, denn ärgern dürfe man sich nach einem Fußballspiel immer nur einen Tag lang. 

Eheleute gucken getrennt 

90 Minuten lang werden Giuseppe Agnello und seine deutsche Frau quasi getrennte Leute sein: Die Eheleute schauen Agnello zufolge in zwei verschiedenen Zimmern: „Sie sitzt mit der Deutschlandflagge vor dem einen Fernseher, ich mit der Italienflagge vor dem anderen.“ Sie trinke deutschen Wein, er natürlich italienischen, dazu gibt es Pizza oder Spaghetti. „Alle paar Minuten schauen wir zum anderen rüber.“ Geschäkert werde dann, manchmal auch geflucht oder getröstet — „und danach leben wir wieder friedlich zusammen“.

Bis jetzt konnte nach solchen Spielen stets Giuseppe Agnello jubeln, „aber jetzt hat meine Frau Oberwasser bekommen“. Ein „komisches Gefühl“ habe er vor dem Halbfinale. Obwohl der 53-Jährige, der in der Königstraße einen Friseursalon betreibt, ein Kleinkind war, als die Familie auswanderte, und durchaus ein „zweites Herz“ fürs deutsche Team hat, ist im entscheidenden Moment die Treue zur Squadra Azzurra nicht zu erschüttern: „Die Wurzeln sind die Wurzeln.“ Dem morgigen Abend blickt er mit Spannung entgegen: Sein siebenjähriger Sohn trug bislang das Deutschlandtrikot bei Deutschlandspielen, das Italientrikot bei Italienspielen. „Jetzt kommt die Stunde der Wahrheit“, sagt Agnello. „Ich bin gespannt, wie er sich entscheidet.“

Uneinig: Sebastian Strattner und  Pino Provenzano (mit dem Trikot von 2006).

Uneinig: Sebastian Strattner und Pino Provenzano (mit dem Trikot von 2006). © Winckler

Als Deutschland 2006 weinte, konnte Pino Provenzano nicht mitweinen: „Ich war im Himmel.“ Sein Team hatte schließlich gewonnen, „und eine Woche später habe ich als Weltmeister geheiratet“. Es sind selige Erinnerungen, die der 53-Jährige an seinem Arbeitsplatz leider mit niemandem so recht teilen kann: Sein Restaurant befindet sich im Keller der Tanzschule Streng, „ich bin hier ganz allein unter Deutschen“, scherzt er. Und fügt gleich hinzu: „Ich liebe Deutschland.“ Beim Fußball aber sei die alte Liebe stärker: „90 Minuten lang bin ich wie in Trance.“

Abgesehen vom Fußball sei Pino (1.FCN/AC Mailand/Italien) ein sehr angenehmer Arbeitskollege, sagt Tanzlehrer Sebastian Strattner (SpVgg/FC Bayern/Deutschland) lächelnd. „Bitter“ sei das Ausscheiden 2006 gewesen. Heuer könne man sich dafür revanchieren. Der 27-Jährige ist sogar zuversichtlich, dass das gelingt, obwohl er weiß, dass das DFB-Team eine lange Serie an Niederlagen gegen die Italiener vorzuweisen hat: „Irgendwann endet alles einmal.“ „Das sehe ich auch so“, antwortet Provenzano: „Hoffentlich dauert es noch.“

Athletischer seien die deutschen Nationalspieler, findet Pino Provenzano, die italienischen dafür taktisch besser und psychologisch vielleicht stärker. Sollten die Deutschen doch gewinnen, wäre das allerdings auch nicht tragisch — „aber es wird nicht passieren“.

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