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Dramatische Lage: 47 Infizierte in Langenzenner Altenheim

Darüber hinaus sind auch weite Teile des Pflegepersonals erkrankt - 03.04.2020 14:58 Uhr

Am Eingang der Awo-Seniorenbetreuung rührt sich nichts. An den Türen weisen Stopp-Schilder auf das Besuchsverbot hin. „Eigentlich sind wir so weit, dass wir das ganze Haus als Corona-Station behandeln müssen“, sagt der Geschäftsführer.

© Foto: Thomas Scherer


Das Coronavirus droht, die Pflegeheime zu überrollen. Als besonders schweren Fall schildert ein Angehöriger die Situation in der Awo-Seniorenbetreuung Langenzenn: Dort wurden 47 Bewohner und 16 Mitarbeiter (Stand Donnerstagmittag) positiv getestet. Fast die Hälfte der Betreuten in dem Heim mit 113 Pflegeplätzen ist damit infiziert. Der Mann erwägt, seine Angehörige aus der Einrichtung zu holen.

Er will den in Langenzenn Verantwortlichen keinen Vorwurf machen, denkt allerdings, dass "normale Heimleitungen in der zusehends dramatischeren Situation mit dem Krisenmanagement überfordert sind" und sich die Behörden intensiver unterstützend einklinken sollten.

Robert Schneider, Geschäftsführer im Awo-Kreisverband Neustadt/ Aisch-Bad Windsheim, der das Pflegeheim in Langenzenn betreibt, macht keinen Hehl aus der Dramatik in der Einrichtung. "Wir sind seit einer Woche im Ausnahmezustand und im Grunde so weit, dass wir das komplette Haus als Corona-Station behandeln müssen." Nicht betroffen ist die angrenzende Senioren-Residenz mit 30 Wohnungen. Dort ist kein Verdachtsfall bekannt. Kontakte untereinander haben die Menschen eingestellt. Berührungspunkte mit dem Pflegeheim gebe es nicht.

Vor gut einer Woche wurde der erste Bewohner im Seniorenheim positiv getestet, mittlerweile sind alle getestet, die Ergebnisse liegen noch nicht vollzählig vor. Etwa die Hälfte der 80 Mitarbeiter im Pflegebereich ist ausgefallen, weil sie nach Kontakt mit Infizierten mit grippalen Infekten zu Hause liegen oder in häusliche Quarantäne mussten.

"Wir schultern einen Drei-Schicht-Betrieb mit halber Besetzung, und das unter erschwerten Bedingungen. Die Mitarbeiter tragen komplette Schutzmontur, acht, neun Stunden am Tag, danach brauchen sie nichts mehr", schildert Schneider die Situation. Ganz abgesehen davon, dass die Schutzkleidung auch in Langenzenn knapp wird. Vergangene Woche hat Schneider übers Internet für 100 000 Euro auf Vorkasse Mundschutzmasken aus China bestellt, "ob wir die kriegen, bleibt abzuwarten".

"Sie verstehen die Situation nicht"

Eigentlich sind die Bewohner in Wohngruppen untergebracht, um im Normalbetrieb die Sozialkontakte zu fördern. 16, 17 Menschen leben in einer Einheit zusammen. Schneider hofft, eine Etage für Nicht-Infizierte freihalten zu können. "Aber viele unserer Bewohner sind an Demenz erkrankt. Es ist nicht so einfach, diese Menschen zu separieren."

Selbst die Quarantäne im Zimmer sei für sie schwierig. "Und wir können sie auch nicht einfach von einer Ebene auf die andere verlegen, da ist alles neu und fremd, diese Menschen verstehen die Situation gar nicht." Sein zentrales Problem: "Wir haben viel zu wenige Leute." Schneider sucht händeringend. Über Personaldienstleister konnte er zehn Mitarbeiter finden, sechs sind jetzt im Einsatz, die anderen kommen voraussichtlich erst nach Ostern.

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In Zeiten von Corona: Ein Blick in die Isolierstation im Klinikum Nord

Zutritt nur mit Schutzkleidung: Normalerweise liegen auf der Isolierstation 16 II in Nürnberger Klinikum Nord Patienten mit Tuberkulose oder schwerer Influenza. In den vergangenen Wochen kamen Verdachtsfälle auf Corona-Virus dazu. Alle Mitarbeiter der Isolierstation — ein Oberarzt, drei Assistenzärzte und 25 Schwestern und Pfleger — müssen sich penibel an die hygienischen Vorschriften halten. Ein Einblick.


"Wir kämpfen um jeden Mitarbeiter und darum, dass es den Bewohnern gut geht. Und wir würden uns wünschen, dass wir von irgendwoher Unterstützung bekämen, doch da ist nichts zu wollen." Die Anfragen nach personeller Hilfe seien ins Leere gelaufen. "Zwei Leute wurden uns vom Landratsamt zugesagt, doch die kamen dann auch nicht, weil sie einen Autounfall hatten. Die haben eben auch niemanden, den sie schicken können."

Vier Todesfälle bilanziert er in dieser Woche in Langenzenn. Drei der Verstorbenen waren infiziert, ob das Covid-19-Virus entscheidend war, lasse sich aufgrund massiver Vorerkrankungen nicht sagen, so Schneider. "Sie sind nicht wegen, sondern mit Corona gestorben", zitiert er den behandelnden Arzt.

Allerdings, das habe ihm die Entwicklung in Langenzenn gezeigt, könne sich die Situation binnen Stunden ändern. Am Mittwochvormittag sei man im Team noch erleichtert gewesen, dass kein Bewohner massive Symptome zeigte; gegen Abend seien sechs Bewohner dann bereits in einem kritischen Zustand gewesen.

Im zweiten Heim, das die Awo Neustadt/Aisch-Bad Windsheim im Landkreis Fürth in Cadolzburg-Egersdorf führt, gibt es sechs bestätigte Corona-Infizierte unter den 57 Bewohnern. Weitere Abstriche wurden genommen. "Bis wir das Ergebnis erfahren, dauert es fünf bis sieben Tage", berichtet Schneider, "so laufen wir der Entwicklung immer hinterher." Wer getestet wird, ordne das Gesundheitsamt an.

 



 

Und das erachtet Testungen aller Bewohner sofort nach Auftreten eines ersten Falles nicht als erforderlich, wie Christian Ell, Sprecher des Landratsamts, auf Nachfrage erklärt. Schließlich würden Betroffene sofort nach Bekanntwerden einer Infizierung in den Heimen isoliert.

Mittlerweile wäre erlaubt, positiv getestete Mitarbeiter, die symptomfrei sind, wieder arbeiten zu lassen. "Wenn ich die in einem separierten Bereich einsetze, wo nur Infizierte untergebracht sind, kann nichts passieren", sagt Schneider.

Er habe Mitarbeiter, bei denen das der Fall ist und die auch gern wieder arbeiten würden. Doch bevor sie zum Einsatz kommen können, verlangt das Gesundheitsamt ein Hygienekonzept. "Aber ich habe derzeit einfach niemanden, der das machen könnte, in Langenzenn hilft selbst die Heimleiterin in der Pflege mit." Er sei mit Personalsuche, Planung und Koordination völlig ausgelastet. Hier lenkt Behördensprecher Ell ein: Das Hygienekonzept müsse kein umfassendes sein, "da reicht ein Kurzkonzept".

Erzieher als Pfleger?

Allerdings geht man ihm zufolge nach einem Gespräch zwischen Landkreis-Vertretern und Awo-Geschäftsführung gestern Nachmittag auf Seiten der Kreisbehörde und damit auch des Gesundheitsamts davon aus, dass sich die Awo verbandsintern behelfen könnte. Diese interne Hilfe sieht Schneider zufolge so aus, dass der Awo-Bezirksverband sein Mutter-Kind-Kurhaus in Bad Windsheim zum Behelfskrankenhaus umfunktioniert. Von den in der Kureinrichtung Beschäftigten könne er zehn Leute einplanen.

"Doch das sind Erzieher, Sozialpädagogen oder Kinderpfleger, die mit der Betreuung schwerst Pflegebedürftiger überfordert sind. Die können uns etwas zur Hand gehen, mehr nicht." Er setzt jetzt darauf "Leiharbeiter ohne Ende" zu rekrutieren.

 

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Sabine Dietz

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