Ein Dompteur für knirschende Zähne

6.9.2013, 16:00 Uhr
Nur ein Blick in den Mund reicht nicht - das ganzheitliche Wissen um die Zusammenhänge von Zähnen, Kiefergelenk und Mensch findet immer mehr Verbreitung.

© Hans Wiedl/dpa Nur ein Blick in den Mund reicht nicht - das ganzheitliche Wissen um die Zusammenhänge von Zähnen, Kiefergelenk und Mensch findet immer mehr Verbreitung.

Im Studium der Zahnmedizin endet der Mensch – um es pointiert zu formulieren – unterhalb des Halses. Alles andere gehört in andere Fachrichtungen. Und doch, sagt Alexander Hacker, können nicht nur Tinnitus, Sehstörungen und das berühmte Schulter-Arm-Syndrom von den Zähnen kommen, sondern auch Hüft- und Knieprobleme. „Das hängt alles zusammen.“

Und es geht auf eine große Erfindung der Evolution zurück: den aufrechten Gang. Der Mensch balanciert ein schweres Gehirn und einen großen Kopf auf einem zierlichen Hals.

Gehalten wird alles – inklusive des Kiefergelenks – von Muskeln, Sehnen und den verbindenden Faszien. Wenn sich nur eines der vielen Elemente verschiebt, müssen alle anderen eine neue Balance finden. „Mit einer Ursache kann der Körper umgehen“, sagt Hacker. Vielleicht auch noch mit zweien. Aber irgendwann kann das System nicht mehr kompensieren. So können – wohlgemerkt: nicht müssen – Knieschmerzen auf einen falschen Biss zurückgehen, können umgekehrt die Zähne schmerzen, obwohl ihnen eigentlich nichts fehlt.

An einem beweglichen Modell kann Alexander Hacker zeigen, wie eine Fehlstellung sofort an Muskeln und Sehnen zieht.

An einem beweglichen Modell kann Alexander Hacker zeigen, wie eine Fehlstellung sofort an Muskeln und Sehnen zieht. © Pfeiffer

Woran das liegt? Alexander Hacker greift noch einmal in die Entwicklungsgeschichte des Menschen zurück. Der Schädel ist – anders als oft vermittelt – keine stabile Kugel; selbst die „Nähte“ der Schädelplatten bleiben auch bei Erwachsenen in gewissem Maß beweglich. Zum Stützapparat gehören 22 Knochen, die mit Muskeln, Nerven und Blutgefäßen zusammenspielen. Das „Powerhaus“ ist der Kiefer. Große Muskelgruppen – in den Wangen und über den Ohren – bewegen ihn und steuern so Atmung und Nahrungsaufnahme, Kommunikation und Aggression. Das berühmte Zähnefletschen.

Reaktionsweisen, die über Jahrtausende erprobt sind, machen nun dem modernen Menschen zu schaffen. Stress am Arbeitsplatz und mediale Reizüberflutung baut er nicht mehr über körperliche Bewegung ab, sondern häufig durch nächtliches Pressen und Knirschen. „Ein legaler Austragungsort für Stressbewältigung“, sagt Alexander Hacker. Die Bewegung der Kiefer tut einerseits gut, denn sie entlastet. Blutdruck und Körpertemperatur sinken. Andererseits verspannen sich die Muskeln, das Kiefergelenk rutscht in eine falsche Position. Migräne, Rückenschmerzen und Blockaden können die Folge sein.

Wie stellt der Arzt das fest? Der Blick auf die Körperhaltung gehört dazu. Das „Augentier Mensch“ hält den Blick gerade, der übrige Körper richtet sich entsprechend aus. Nächste Stationen sind ein Selbstfragebogen und ein längeres Gespräch.

Dabei versucht der Zahnarzt abzuklären, ob die Probleme klinische Ursachen haben könnten. Er schaut in den Mund (gibt es abgeschliffene oder lockere Zähne?), tastet den Kiefer ab und lässt Abdrücke machen. Wichtiger noch ist die Funktionsanalyse, die mit einem Gerät die Bewegung des Unterkiefers aufzeichnet und vermisst.

Wie Alexander Hacker darauf kam? Nach dem Studium arbeitete er zwei Jahre lang bei einem Kieferchirurgen, eröffnete 1997 die eigene Praxis. In der täglichen Arbeit fiel ihm auf, was fehlte. Er besuchte Kurse bei Professor Rudolf Slavicek in Wien, dem Pionier der interdisziplinären Zahnheilkunde, und setzte berufsbegleitend einen „Master of Science“ an der Universität Krems drauf. Inzwischen unterrichtet Hacker selbst in Slaviceks Schule.

Im Team

Dass ein Zahnarzt allein die komplexen Zusammenhänge im Körper nicht erforschen kann, ist klar. Deshalb schickt Hacker seine Patienten zur Abklärung auch zum Physiotherapeuten, Orthopäden oder Osteopathen. Das Diagnose-Team begleitet den weiteren Prozess. Dieser besteht meist darin, dass eine Aufbiss-Schiene angepasst wird. Darf man sich davon Wunderheilung versprechen? „Nein“, sagt Hacker und schmunzelt, „aber manchmal ist es verblüffend, wie schnell sich durch die Entlastung Beschwerden bessern.“

Über Wochen und Monate verfolgen der Arzt und die übrigen Experten, was sich tut. Erst wenn sich die Besserung verstetigt, wird über eine dauerhafte Lösung nachgedacht. „Manche sind mit der Schiene vollauf zufrieden, selbst wenn die auch tagsüber getragen werden muss.“ Bei anderen genügt es, eine Störung wegzuschleifen oder eine Zeitlang Spange zu tragen. Oder es müssen Prothesen und Kronen neu gemacht und justiert werden. Dann ist Hacker wieder – ganz normal – als Zahnarzt gefragt.

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