Montag, 09.12.2019

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Ein Fürther Forscher und die Entdeckung der Schleife

Zum 200. Geburtstag von Jacob Henle: Eine Ausstellung im Klinikum beleuchtet Leben und Werk des großen Anatomen - 11.07.2009

In der Helmstraße 9 kam am 19. Juli 1809 ein Junge zur Welt, der einer der erfolgreichsten und einflussreichsten Anatomen seiner Zeit werden sollte. Bis heute ist Jacob Henle jedem Medizinstudenten und ...


Sein sorgsam gestutzter Backenbart reicht exakt bis an den steifen Kragen. Das Revers seiner Jacke glänzt makellos. Bloß die salopp gebundene Fliege über der gestärkten Hemdbrust tanzt ein paar Millimeter aus der Reihe . . . Jacob Henle schaut auf der alten Fotografie mit ernstem Blick in die Ferne.

In seinen Briefen und Aufzeichnungen begegnet er uns als unbestechlicher Beobachter, unermüdlicher Sucher und leidenschaftlicher Schreiber. «Ich habe auch für die Ferien eine Quelle entdeckt, aus der ich allerlei Tiere und Vögel und selbst totgeborene Kinder erhalte, an denen ich mich mit meinen neuen Messern recht zu laben gedenke», schreibt Henle als begeisterter Student und mit sanfter Ironie den Eltern: «Seit meinem letzten Brief habe ich mich endlich in den Orden der Mediziner mit einer Leiche eingekauft. Leider war die erste, die ich ins Grab kurierte, ein schönes, blühendes, 20 Jahre altes Mädchen und die Magd meines besten Freundes.»

Der Wissensdurstige, der in Bonn und Berlin bei dem großen Physiologen Johannes Müller studierte, entschied sich bald gegen eine Laufbahn als Arzt und beschloss, als Forscher und Lehrer zu wirken. Auch das erfuhren die Eltern aus einem Brief: «. . . ich sehe, wie mein ganzes Wesen sich täglich mehr zur Lebensweise eines Dozenten hinneigt. Ich werde mit jedem Tag bequemer, stiller, einseitiger und verliere immer mehr die dem praktischen Arzte so nötige Politik.»

Henle machte zügig Karriere. Seine erste Professur führte ihn nach Zürich, 1844 ging er als Professor nach Heidelberg. Die Zustände an der medizinischen Fakultät ärgerten ihn jedoch gewaltig, im Kreis der konservativen Kollegen fühlte er sich nicht wohl. Dafür hätte ihn die Revolution 1848/49 fast in das Paulskirchenparlament gebracht. Im Herbst 1853 kam er mit 43 Jahren als geachteter Anatom nach Göttingen. Dort lebte, forschte und lehrte er bis zu seinem Tod im Jahre 1885. 30 Jahre zuvor veröffentlichte er sein «Handbuch der systematischen Anatomie des Menschen», das ihn bekannt machen sollte.

Im Fürther Klinikum setzt sich jetzt eine Ausstellung mit Arbeit und Leben von Jacob Henle auseinander. «Bürgerliches Leben und rationelle Medicin» heißt die Schau, die von Fritz Dross vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin von der Universität Erlangen-Nürnberg, Kamran Salimi vom Klinikum Fürth und Armin Stingl (Grafik) mit Unterstützung unter anderem von Stadtarchivarin Sabine Brenner-Wilczek und Barbara Ohm zusammengestellt wurde. Natürlich beschäftigen sich die Wandtafeln im Foyer des Klinikums mit Henles Leistungen. So beschrieb er nicht nur als Erster jene Nieren-Schleife, sondern prägte unter anderem auch den Begriff vom Contagium Vivum (lebende Ansteckungsorganismen) und damit die Theorie von Mikroorganismen als Ursache von Infektionskrankheiten. Die Grundregeln der Definition eines Krankheitserregers, die Henle-Koch-Postulate, wurden später nach ihm und seinem Schüler, dem Nobelpreisträger Robert Koch benannt.

Eine unmögliche Liebe

Doch die Ausstellung ist nicht nur für Mediziner und Historiker spannend. Ungewöhnlich genug - im Klinikum lässt sich auch eine erstaunliche Eheanbahnung verfolgen. Henle verliebte sich im Haus eines Kollegen in Zürich in die bezaubernde Elise Egloff. Die allerdings war eine schlichte Näherin und kam damit als respektable Gattin für einen aufstrebenden Professor schlichtweg nicht in Frage. Der Wissenschaftler wollte von seiner unmöglichen Liebe nicht lassen und fand einen Ausweg. Für ein Jahr schickte er Elise auf ein Internat für höhere Töchter, anschließend gab ihr Henles Schwester ein weiteres Jahr Unterricht in Gutbürgerlichkeit.

Nach dieser gesellschaftlichen Politur wurde 1846 geheiratet. Kurz vor der Hochzeit machte Henle seinem «lieben Bräutchen» in einem Brief ein inniges Geständnis: «Ich soll Dir sagen, was ich an Dir anders wünschte, nun gut, ich will es Dir aufrichtig bekennen: Nichts.» In ihrer Schulzeit habe sie alles geleistet, was er sich erhofft hatte. Für ihr «frisches, wild aufgewachsenes Herz» war er gerne bereit zu entbehren, was «ein Geist leistet, mit dessen Kultur, sich von der Wiege an ein Heer von Menschen beschäftigt».

Schon viele Jahre zuvor hatte Henle übrigens aufgezeichnet, wie seine Traumfrau sein soll: «Ich heirate eine junge, schöne, kluge und reiche Frau, die französisch spricht, Klavier spielt und mit Pferden umzugehen weiß.» Auch wenn Elise nicht ganz diesen Erwartungen entsprach - die Beziehung war glücklich. Und endete tragisch. Nur zwei Jahre nach der Hochzeit starb Elise an einer Lungenkrankheit. Ihre Geschichte blieb nicht geheim, sondern diente drei Schriftstellern als Anregung. Gottfried Keller, der Henle auch in seinem Roman «Der grüne Heinrich» porträtierte, verarbeitete die ungewöhnliche Liebe in seiner Novelle «Regine».

Ein Sohn der Stadt

Wer sich in Fürth auf Spurensuche nach Jacob Henle begibt, wird nicht allzu weit kommen. Sein Geburtshaus Helmstraße 9 trägt immerhin eine Gedenkplakette. Henle, Sohn angesehener jüdischer Kaufleute, verließ die Stadt mit seinen Eltern bereits 1815 als Sechsjähriger und kam nie zurück. Als die Zufahrtsstraße zum Klinikum 1929 benannt werden musste, erinnerte man sich in Fürth nach einigem Hin- und Her an Henle. Schon vier Jahre später wurden andere Schilder montiert, die den Namen eines dem NS-Regime Gefälligen trugen. Seit dem 8. Mai 1945 heißt die kurze Strecke wieder Jakob-Henle-Straße.

Eng verbunden mit der Erinnerung an den Wissenschaftler ist das KfH-Dialysezentrum in Fürth, das seit 1990 Henles Namen trägt. Und noch etwas hält an dieser Stelle ganz handgreiflich das Gedenken an den Wissbegierigen aus Fürth wach: Wer in das «Jacob-Henle-Haus» will, greift nach den Türklinken, die stilisierte Henle-Schleifen schmücken.

Sabine Rempe

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