Ein Fürther im kurdischen Kampfgebiet

24.10.2014, 06:00 Uhr
Auf der Flucht vor dem IS-Terror: Verzweifelte Menschen versuchen, von Kobane aus in die türkische Nachbarstadt Suruc zu gelangen.

Auf der Flucht vor dem IS-Terror: Verzweifelte Menschen versuchen, von Kobane aus in die türkische Nachbarstadt Suruc zu gelangen. © Foto: Niklas Haupt

Als furchtlos möchte sich Niklas Haupt nicht bezeichnen. „Im Vorfeld hat man sich schon ein paar Gedanken gemacht“, erklärt der 28-Jährige, der vor kurzem von einer dreiwöchigen Delegationsreise mit dem Verband der Studierenden aus Kurdistan (YXK) aus der Türkei und dem Irak zurückgekehrt ist. Vor Ort selbst habe er jedoch sehr wohl ein Gefühl von Sicherheit erlebt, auch wenn er in Angriffe türkischer Sicherheitskräfte mit Tränengas hineingeraten war.

„Die Bevölkerung kümmert sich sehr um ausländische Besucher“, erzählt Haupt und berichtet von „unglaublich großer Gastfreundschaft“. Ihr eigentliches Ziel Rojava, das kurdische Siedlungsgebiet in Syrien, konnte die etwa 20-köpfige Reisegruppe allerdings nicht erreichen. Niklas Haupt vermutet politische Gründe hinter der Hinhalte- und Verweigerungstaktik sowohl der nordirakischen als auch der türkischen Behörden.

Dabei war gerade Rojava für den Fürther, der in Erlangen Politische Wissenschaften und Kulturgeografie studiert, von großem Interesse. „Dort hat sich seit 2011 eine Revolution vollzogen, die auf einem basisdemokratischen Rätesystem aufbaut“, erläuterte er.

Darüber hinaus sei es dort gelungen, dass sich Frauen massiv organisierten und Minderheitenrechte gewahrt würden. Angesichts des Angriffs des IS hätten daher insbesondere die Frauen etwas zu verteidigen – und das tun sie Haupt zufolge auch.

Kritik an der Regierung

Den verzweifelten Abwehrkampf um Kobane habe seine Delegation fast hautnah erlebt: Nach dem verweigerten Grenzübertritt und dem Besuch einiger Flüchtlingslager entschlossen sich die Studierenden, an die türkische Grenze jenseits Kobanes zu reisen, „um die Proteste der Bevölkerung zu unterstützen“.

Die Rolle der türkischen Regierung beurteilt Haupt sehr kritisch. So sei die Grenze für IS-Kämpfer und deren Bewaffnung durchlässig gewesen, nicht aber für die Verteidiger der kurdischen Autonomie. Deren basisdemokratischer Föderalismus mit ausgeprägten Frauen- und Minderheitenrechten werde von Ankara offenbar als Bedrohung des türkischen Nationalismus angesehen. Erst seit wenigen Tagen erlaubt die Türkei Peschmerga-Kämpfern aus dem Nord-Irak, ins syrische Kobane zu gelangen.

Doch die im Westen von einigen als Partner gehandelte Peschmerga genieße vor Ort kein hohes Ansehen. „Die Flüchtlinge fühlen sich von ihr im Stich gelassen, während die PKK-Kämpfer einen Fluchtkorridor freikämpfen konnten“, so Haupts Eindruck von der Gefühlslage in den Lagern. Insgesamt hat er die Menschen dort als „traurig, perspektivlos, aber nicht gebrochen“ kennengelernt.

Haupts abschließende Forderung: Die Bundesregierung müsse auf die Türkei einwirken, damit diese ihre von ihm so gesehene Unterstützung für den IS entziehe. „Das Embargo gegen die Kurdengebiete in Syrien und das PKK-Verbot muss aufgehoben werden, um den Friedensprozess voranzutreiben.“

Niklas Haupt spricht mit Begeisterung von seinem ersten Besuch in Kurdistan: „Ich will da wieder hin“, sagt er. Denn trotz all des Leids und der Gewalt fänden die Menschen immer wieder zu Tanz und Feier zusammen, das sei Teil ihrer Mentalität. „Und wenn man sich darauf einlässt, hilft das auch.“

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