Dienstag, 22.10.2019

|

zum Thema

Ein Hoch auf den Druck ohne Klick

Die Galerie in der Foerstermühle startet mit der Original Hersbrucker Bücherwerkstätte in den Herbst - 21.09.2019 17:50 Uhr

Ein „Hersdrucker“ der ersten Stunde: Michael Gölling begann in den Sechzigern, seinerzeit als Schriftsetzer-Lehrling, mit dem Sammeln ausrangierter Lettern und Setzkästen. Bei Galeriechef Thomas Foerster hatte er vor 50 Jahren in Nürnberg seine erste Ausstellung. Die aktuelle Schau bestückt er mit Holzdrucken. © Foto: Thomas Scherer


"Sammelwut" ist ein Wort, das Michael Gölling gern in den Mund nimmt, wenn er davon erzählt, wie alles begann. Doch so, wie es ausschaut, wäre Sammel-Liebe eigentlich viel besser. Als Gölling Anfang der sechziger Jahre als Schriftsetzer-Lehrling mit seinem Kollegen Günther Tobisch ausrangierte Bleilettern wegwerfen soll, schütteln die beiden den Kopf und behalten die alten Lettern, Vignetten, Setzkästen. Ein halbes Jahrhundert später hat sich ein stattliches Arsenal an mittlerweile schon beinah "historisch" zu nennenden Druckmaschinen hinzugesellt.

Sie sind nicht zu einem Dasein in musealer Starre verdammt. In der Hersbrucker Bücherwerkstätte – einem erstaunlich langen, aber extrem schmalen Schlauch von Raum – sind die Technik-Veteranen nach wie vor im Einsatz. Was dabei unter anderem entsteht, zeigen Woldemar Fuhrmann, Michael Gölling, Armin Krohne, Thomas Lunz, Timo Reger, Dan Reeder, Johannes Stahl und Günther Tobisch jetzt in der Foerstermühlen-Galerie.

Während Michael Gölling die Arbeiten in den Räumen platziert, verrät er, wie es zu der Ausstellung in Fürth kam: "Ich hab’ 1969 in der Nürnberger Galeriekneipe von Thomas Foerster meine erste Ausstellung gehabt." Auch das natürlich ein veritables Jubiläum, wie den beiden bei einer zufälligen Begegnung vor einiger Zeit bewusst wurde.

Feine Maserung

Gölling hat zur aktuellen Schau nun unter anderem zwei seiner Holzdrucke mitgebracht. Klar und prägnant: "Der blaue Stuhl". In Schwarz-Rot-Goldgelb daneben die Arbeit mit dem Titel "Absichtlich". Zum Holz, sagt Gölling, hat er eine besondere Beziehung: "Am liebsten mag ich altes Holz, Dielen etwa. Mir gefällt es, wenn die Maserung noch eine Rolle spielt."

Einen ganz anderen Charakter bringen die Arbeiten von Timo Reger mit. "Flussfahrt" und "Alle Wetter" sind die poetischen Titel zweier Reihen, die ebenfalls Holzdrucke sind. Die Farbaufträge gewinnen Eigenmächtigkeit dank des lasierenden Auftrags, der Neues entstehen lässt und Tiefe eröffnet.

Den Werken von Johannes Stahl wohnt etwas Verwirrendes inne. Auf den ersten Blick scheint klar: Das sind Comics. Der zweite Eindruck sagt: Unsinn, die sind doch alt, also richtig alt. Doch was anmutet wie Bildergeschichten aus dem Mittelalter, sind Linoldrucke, angefertigt anno 2019. Mit faszinierender Exaktheit hat Stahl, mit 28 Jahren der Jüngste in der Hersbrucker Gruppe, delikate Details ins Material geritzt.

Drucke entstanden so, die Feinstes glasklar abbilden. Seine Themen haben gerne mal Splatter-Format und keine Angst vor Horror. Apokalyptische Visionen scheinen seinem "Schwitzenden Berg" innezuwohnen, während sich bei "Ich geh‘ mal Holz holen" eine wahrhaft grausige Mär entfaltet.

Gemalt und nicht gedruckt hat Thomas Lunz, die Farbenpracht der Pop-Palette macht sein Porträt vom Mann mit der "Russenkappe" strahlend. Günther Tobisch gibt den gesammelten Lettern der Hersbrucker die Ehre. In ihrer reinsten Form als Alphabet oder gerne auch in sinnfälligen Sprüchen ("Bier her, Bier her oder ich fall’ um"). Vielfalt, so viel kann als sicher gelten, ist eine Grundfeste der Hersbrucker Bücherwerkstatt. Wie zum Beweis bringt etwa Dan Reeder eine weitere Spezies ins Spiel: Seine Karikaturen sind auf doppeldeutige Art hinterhältig und trotzdem erstaunlich gut gelaunt.

Noch einmal Linoleum bringt Woldemar Fuhrmann ins Spiel, wenn er Lyrik von Elmar Tannert umsetzt und dafür die Buchstaben aus dem Material herausholt. Weiß heben sie sich nun aus einer großen, auffallend ebenmäßig gedruckten blauen Fläche ab. Die Katze, um die sich die Zeilen drehen, springt elegant mit einem Satz über alles hinweg.

Neues Narrenschiff

Dass sie auch miteinander können, beweisen die Männer von der Bücherwerkstätte seit Jahrzehnten mit ihrem jährlich erscheinenden Kalender. Der für 2020, verrät Michael Gölling, geht jetzt in Arbeit und wird dank Claudia Schulz zum ersten Mal zu Texten von einer Frau gestaltet. Unter einem Hut - besser gesagt, unter einer Inspiration - versammelt haben sich die Künstler auch bei einer Arbeit, die in Auszügen in der Foerstermühle vorübergehend eingezogen ist: das neue Narrenschiff. Blätter mit Appell und Aplomb.

Armin Krohne etwa setzt da auf seinem Blatt zwei ganz frische Narren ins Papierboot, so widersprüchlich wie der klassische Januskopf zerren sie in entgegengesetzte Richtungen und erreichen den perfekten Stillstand, während die Flut aus einem weit aufgedrehten Wasserhahn strömt.

"Hersdrucker — Die Original Hersbrucker Bücherwerkstätte kommt in Wort und Bild zur Galerie in der Foerstermühle": Eröffnung diesen Samstag (Würzburger Straße 3). Montags bis donnerstags 9-17 Uhr, freitags 9-14 Uhr. Bis 22. November.

Sabine Rempe

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Fürth