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Ein Jahr "Berufsverbot": Reisebüros in Fürth kämpfen ums Überleben

Nur wenig Buchungen - Griechenland, Ostsee und Italien sind gefragt - 30.03.2021 19:00 Uhr

Auch wenn sein Reisebüro zur Zeit geschlossen ist, ist Guido Kramer für seine Kunden erreichbar. Die Zahl der Buchungen ist aber sehr überschaubar.

30.03.2021 © Foto: Hans-Joachim Winckler


"Wir müssen seit über einem Jahr praktisch mit einem Berufsverbot leben. Da kann man nicht mehr ruhig schlafen", sagt Guido Kramer vom gleichnamigen Reisebüro in der Schwabacher Straße.


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Buchungen gehen bei ihm nur sehr vereinzelt ein, "maximal eine pro Woche". Die nachgefragten Ziele: Griechenland, Italien und die Ostsee. Der Tenor bei Kramers Kunden: "Wir würden gerne wegfahren, haben aber keine Planungssicherheit." Sie fragen sich, was es für Auswirkungen hat, wenn ihr Reiseziel plötzlich zum Risikogebiet erklärt wird und wo sie landen, wenn sie im Urlaubsland in Quarantäne müssen.

In Griechenland gilt derzeit eine Impfung als Voraussetzung für die Einreise. Was also, wenn man bis zum Urlaubsbeginn noch nicht geimpft ist? "Es ist weniger die Furcht vor einer Ansteckung mit Corona, als die ständige Änderung der Regularien, diese Unwägbarkeit, die die Leute verunsichert", sagt Kramer.


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Unverständlich ist für ihn der Hype um den Osterurlaub auf Mallorca. Er hatte gerade einmal drei Anfragen. "Sobald den Leuten klar wird, dass dort ab 17 Uhr alle Restaurants und Bars schließen, ab 22 Uhr eine Ausgangssperre gilt und man sich das Zimmer nicht einmal mit einem Freund aus einem anderen Haushalt teilen kann, lösen sich die Reisepläne ganz schnell in Luft auf."

"Es ist so rübergekommen, als ob die Massen nach Mallorca fliegen", sagt Michael Lenker von C & L Tours in der Maxstraße. Am Nürnberger Flughafen heben laut Lenker aber aktuell gerade einmal drei Flieger pro Woche ab, viele Plätze davon sind schon ausgebucht mit Leuten, die auf der Insel eine Wohnung oder ein Haus haben. In Nicht-Corona-Jahren seien es 20 Flugzeuge wöchentlich.

Manchen hält laut Lenker auch der hohe Preis ab. Wer kurzfristig auf die Baleareninsel will, der musste tief in die Tasche greifen. "Da kostet der Flug nach Malle fast so viel wie einer nach Florida. Das kann und will sich nicht jeder leisten. "

Veranstalter bieten neuen Flex-Tarif

Auch Lenker kann die Buchungen derzeit an einer Hand abzählen, Anfragen für den Sommer gibt es wenigstens ein paar. "Die Leute zögern noch." Das Dilemma: Wenn sie zu lange warten, wird es keine freien Plätze mehr geben, die wenigen verfügbaren Angebote werden teuer sein", prophezeit er.

Was den Kunden eigentlich die Entscheidung für eine Buchung erleichtern könnte: Immer mehr Veranstalter bieten einen Flex-Tarif an. Dieser besagt, dass man gegen eine Gebühr bis zu 14 Tage vor Reisebeginn stornieren kann – ohne Angabe von Gründen. "Das sei eine gute Lösung für die Kunden", meint Lenker. Für die Reisebüros ist es aber schwierig: Wenn die Leute zurücktreten, hat man umsonst gearbeitet, die Gebühr bekommt der Veranstalter.

Sabine Egerer vom Reisebüro am Marktplatz in Cadolzburg fürchtet, dass es in puncto Reisen erst 2022 wieder richtig losgeht. Die wenigen Buchungen, die sie für Sommer und Herbst bekommen hat, seien der "berühmte Tropfen auf dem heißen Stein". Auch die Gruppenfahrten innerhalb Deutschlands, etwa nach Heidelberg und in die fränkische Schweiz, die sie selbst organisiert, sind erst einmal abgesagt. Stattdessen hat sie, wie auch Kramer und Lenker, viel Arbeit mit der Rückabwicklung von stornierten Reisen gehabt – ohne, dass sie einen Cent dabei verdient hätten.

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Um dieser "negativen Arbeit" etwas Positives entgegenzusetzen, verkauft Egerer in ihrem Laden jetzt selbst gepackte Geschenkkisten – zum Beispiel mit Wanderkarten und Tipps für die Region. Enthalten sind auch Wein, Bier, Bratwurst oder Süßes für eine Vesper unterwegs. Ihr Kommentar: "Wir machen das auch, um hier nicht durchzudrehen!"

Für die Reisebüro-Inhaber persönlich hat die coronabedingte Flaute in ihrer Branche weitreichende Folgen. Im Vergleich zu 2019 musste Sabine Egerer Umsatzeinbußen von bis zu 90 Prozent verkraften. Guido Kramer lebt seit einem Jahr von seinen privaten Rücklagen. Die Überbrückungshilfen seien zwar gut, aber die laufenden Kosten für sich selbst, zum Beispiel für Lebensunterhalt und Krankenkasse, kann er davon nicht bezahlen.

Beratung hoffentlich bald wieder gefragt

Trotzdem will niemand die Hoffnung aufgeben, dass die Beratung von Reiseprofis bald wieder gefragt ist. Die Läden sind zwar geschlossen, die Ansprechpartner aber online, per Telefon, Email, Videochat oder WhatsApp erreichbar.

Sie beraten nicht nur bei der Auswahl des richtige Ziels, sondern helfen auch mit Regularien wie Ein- und Ausreisebedingungen. Lenker: "Wer ein kaputtes Auto hat, informiert sich auch nicht nur über Youtube, sondern bringt den Wagen in die Werkstatt, weil er weiß, dass die Arbeiten von den Fachleuten gut erledigt werden."

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