Ein schnelles Ende?

14.7.2008, 00:00 Uhr
Dieses Bild aus einem Hamburger Hospiz zeigt eine Patientin, die die letzten Tage und Wochen ihres Lebens in der Obhut kompetenten Pflegepersonals verbringt.

Dieses Bild aus einem Hamburger Hospiz zeigt eine Patientin, die die letzten Tage und Wochen ihres Lebens in der Obhut kompetenten Pflegepersonals verbringt. © dpa

Margitta Schmidt, Koordinatorin beim Hospizverein Fürth, muss häufig mit harten Bandagen kämpfen, wenn sie mit Sachbearbeitern der Krankenkassen um die Übernahme der Behandlungskosten verhandelt. «Die Einstufung der Pflegestufe dauert fast immer mehrere Wochen. Aber so viel Zeit haben wir in der Regel nicht», erklärt sie.

19,6 Tage beträgt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in der Hospizstation des Zirndorfer Awo-Heims. «Neulich kam eine Patientin aus dem Krankenhaus zu uns und ist nach eineinhalb Stunden verstorben. Das ist unmenschlich, und das kann ich nicht verstehen», meint Schmidt kopfschüttelnd. Dass eine der ersten Fragen bei der Ankunft von Sterbepatienten die nach der Finanzierung des Aufenthalts ist, bleibt ihr bis heute zuwider: «Es ist pietätlos, aber muss halt sein.»

Die Mitarbeiter des Fürther Palliative-Care-Teams, die sich um sterbende Menschen mit bösartigen, besonders schmerzhaften Erkrankungen kümmern, haben nicht nur mit Menschen jenseits der 80 zu tun, sondern beispielsweise auch mit einem knapp 50-jährigen Familienvater.

Pläne für die Zukunft

Der Krebspatient wurde fast zwei Jahre lang zu Hause von seinen Angehörigen betreut, wobei es ihm lange Zeit verhältnismäßig gut ging und er wieder Pläne für die Zukunft schmiedete. Dann verschlechterte sich sein Gesundheitszustand jedoch rapide, die Familie wendete sich hilfesuchend an den Hospizverein und das Palliative-Care-Team.

Eine Umstellung der Schmerztherapie linderte die starken Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Jedoch war dieses kleine Hoch nur von kurzer Dauer. Der Kranke erbrach zu Hause bald darauf Blut, was nicht nur für ihn eine Qual war, sondern auch für seine Familie. «Um den drei Kindern diese Bilder zu ersparen, haben wir ihn zu uns ins Heim geholt», erzählt Sabine Ulitschka, Fachkraft in der Zirndorfer Hospizabteilung.

Ehrenamtliche Helfer des Hospizvereins betreuten derweil die Familie psychisch und mit Pfarrern auch seelsorgerisch - und tut dies bis heute. «Durch die Blume» musste ihnen erklärt werden, dass es nun tatsächlich zu Ende gehen werde, so Ulitschka.

Margitta Schmidt verhandelte derweil mit der Krankenkasse des Patienten, die sich mit der Einstufung der Pflegestufe wieder einmal Zeit ließ. «Wenn nicht bald etwas vorangeht, dann können Sie ihn auf dem Friedhof einstufen», drängte Schmidt zur Eile.

Angespannte Situation

Die finanzielle Situation der Familie war angespannt, da die Ehefrau erst nur noch halbtags und später gar nicht mehr arbeiten ging, um bei ihrem Mann sein zu können. Selbst Geld für Geburtstagsgeschenke für die Kinder fehlte, der Verein spendierte Kino- und Zirkuskarten.

Mittlerweile ist der Mann gestorben. Seine Familie will und muss mit dem Sterben ihres Ehemanns und Vaters abschließen und übernimmt die Kosten trotz ihres kleinen Einkommens deshalb selbst. Weitere Wochen des Telefonierens und Briefeschreibens wollte sich die Witwe einfach nicht mehr zumuten. Zwar ist am 1. Juli das so genannte Pflegeweiterentwicklungsgesetz in Kraft getreten, das Entscheidungen innerhalb von einer Woche vorschreibt, «aber die Kassen kommen einfach nicht nach», sagt Margitta Schmidt. Dass es auch anders geht, hat sie jüngst auf einer überregionalen Fachkräftetagung erfahren: «In anderen Bundesländern funktioniert es besser.»

Zeit zum Handeln also, meint auch der Vorsitzende des Hospizvereins Fürth, Roland Hanke: «Seit Anfang des Jahres haben wir über 40 Patienten im Sinne der ,spezialisierten ambulanten Palliativversorgung‘ betreut, die unter besonders starken Schmerzen gelitten haben.» Seit 16 Monaten hat jeder Bürger einen Rechtsanspruch auf diese Versorgung. «Die Krankenkassen haben jedoch bis heute noch kein Finanzierungsmodell vorgelegt», sagt der Arzt. 120 Millionen Euro haben die Palliativ-Care-Teams daher aus eigenen Mitteln vorgestreckt.

Der Palliativmediziner ist gemeinsam mit seinem Kollegen Roland Leger für Fürth Stadt und Land zuständig. Was sie von aktiver Sterbehilfe halten? Nach der Beteiligung von Hamburgs Ex-Senator Roger Kusch am Suizid einer Seniorin hatte sich Roland Hanke in unserer Zeitung geäußert: Der Hospizverein Fürth lehne jede Form aktiver Sterbehilfe ab.

Zuwendung gebraucht

Wenn schwer leidende Patienten viel menschliche Zuwendung und intensive pflegerische und ärztliche Zuwendung erhielten, würden selbst Lebensmüde von dem Gedanken an ein selbst bestimmtes, schnelles Ende des Leidens Abstand nehmen.

Das war auch im Fall des krebskranken Familienvaters der Fall, der bis zu vier Mal täglich ärztliche Hilfe benötigte. Trotz aller Belastungen und Widrigkeiten leiste sein Team hervorragende Arbeit, finanziert in erster Linie durch Spenden und ehrenamtliche Mitarbeit. «Wenn es nötig ist, intervenieren wir, ohne groß nach der Finanzierung zu fragen»; Fürth sei strukturell mit dem Palliative-Care-Team, das mit Awo, Diakonie und Caritas zusammenarbeitet, sehr gut aufgestellt. «Wir können und wollen das leisten, es geht aber an die wirtschaftlichen und mentalen Reserven.»

Für Fürth Stadt und Land gibt es einen 24-Stunden-Bereitschaftsdienst, der unter den Nummern (01 79) 2 40 24 38 (Hospizverein) und (01 76) 63 33 09 41 telefonisch zu erreichen ist.