Erinnerungen an Josef Muskat

19.1.2011, 22:00 Uhr

© Lothar-Günther Buchheim

Im Buchheim-Museum in Bernried am Starnberger See kann man derzeit einem Fürther begegnen, der in seiner Heimatstadt lange in Vergessenheit geraten ist: Josef Muskat, seines Zeichens Bauchredner, vor allem aber begnadeter Figuren-Bauer und Erschaffer mechanischer Puppen. Dass Muskat eine späte Freundschaft mit dem Expressionismus-Sammler und Buchautor („Das Boot“) Lothar-Günther Buchheim verband, ist eine nur wenig bekannte Geschichte, die aber recht so zum außergewöhnlichen Leben des Fürthers passt, der, ohne selber viel Aufhebens um sich zu machen, vor und nach dem Krieg einen festen Platz im deutschen Unterhaltungsgeschäft einnahm.

Wer sich in Fürth auf die Spuren Josef Muskats begibt, braucht nicht viel zu laufen: Sie sind verwischt. In dem Haus in der Salzstraße, in dem er bis zu seinem Tod 1984 lebte und arbeitete, erinnert nichts mehr an ihn. Nachbarn, die ihn kannten, gibt es nicht mehr. Hier aber, zuerst im Dachgeschoss, dann im Hinterhof, hatte er, der sich selber „König der Bastler“ nannte, seine Werkstätten, hier entstanden Hunderte Puppen und Gestalten, die man dann in Varietés, auf Jahrmärkten, im Zirkus, später gar in Museen sehen und bewundern konnte. Manche der Wesen wuchsen ihrem Schöpfer sogar mächtig über den Kopf: auf einem Foto sieht man eine mindestens vier Meter hohe Gestalt, die Josef Muskat und die alten Sandsteinmauern frech überragt.

Geboren wurde Muskat 1899 in Nürnberg. Einen verbürgten Lebenslauf gibt es von ihm nicht; im Münchner Stadtmuseum jedoch, das mittlerweile über die größte Sammlung seiner Puppen und über seinen Nachlass aus Texten, Fotos, Dokumenten und Briefen verfügt, finden sich Notizen, die Bausteine für eine Biografie liefern. Schon als Bub hat er demnach mit der Bastelei begonnen, eine geregelte Berufsausbildung jedoch bekam er nicht. Wohl auch zeitenbedingt wurde er von seinem Vater, einem Facettenschleifer für Spiegel, in die Fabrik geschickt, damit Geld ins Haus kam. Der künstlerischen Ader aber konnte die Maloche (unter anderem im Bergwerk) nichts anhaben: nach dem Ersten Weltkrieg bereits sah man Josef Muskat auf der Bühne. In der Hand eine selbstgebastelte Puppe und selber sprechend, ohne dass er den Mund bewegte. Muskat hatte sich autodidaktisch zum Bauchredner ausgebildet und präsentierte diese damals sehr beliebte Unterhaltungskunst bald perfekt.

In seinen Notizbüchern finden sich neben profanen Alltagseintragungen und Ein- und Ausgaben-Vermerken unzählige Dialoge, Witze und Gesprächsfetzen, die er sich für seine Show mit den Puppen ausgedacht und abgehört hat. Beispiel: „Josef“, sagt die Puppe zu Muskat, „ich möchte heiraten.“ — „Hast du denn schon eine Braut?“ — „Nein“ — „Nimm die Marie von nebenan, die ist sehr häuslich.“ — „Wie viel Häuser hat sie denn?“

Solcherart geht es seitenlang weiter: harmlose Späße und komische Normalitäten, mit denen Muskat dann nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in Fürth sein Publikum professionell begeisterte. Er hatte sich mittlerweile ein eigenes Puppentheater gezimmert, mit dem er, stets am selben Platz, auf der Fürther Kirchweih zur Attraktion wurde; eine Klein-kunstbühne, auf der so skurrile Gestalten wie ein „Alter Russe“, ein „Glatzkopf“ oder „Max, der Einradfahrer“ neben Drachen, Kasperln und Räuberhauptmännern auftraten. Beliebt war auch eine kindsgroße Ente, die den Schnabel nicht halten konnte und ungeniert — freilich aus Muskats Bauch heraus — plapperte.

All diese Figuren waren aber nicht steife Stoff-Wesen, sie hatten eine Mechanik in ihren von Pappmaché überzogenen Bäuchen und Gliedmaßen, zum Teil komplizierte Konstruktionen im Leib, die sie erstaunlich beweglich machten. So war das eigenhändige Spiel auch nur der eine Teil, der die Kunst des Josef Muskat — „Joe“ nannte er sich mit Künstlernamen — ausmachte. Immer mehr verlegte er sich auf den Bau und die Gestaltung von Puppen, für die er bald Interessenten in ganz Deutschland fand. Noch mitten im Krieg hatte er für den galanten Berliner Varieté-Künstler und Bauchredner Ernst Koska gearbeitet. Der schrieb 1944 in einem Brief nach Fürth zu einem Objekt aus der Muskat-Werkstatt: „Sie sind ein großer Künstler. Die Hände, sagen Sie, haben Sie die etwa auch selbst gemacht, es ist unglaublich. Die schönsten Hände von allen bisherigen Puppen. Na über den Kopf brauche ich nichts zu sagen, der ist immer großartig bei Ihnen (...) Ich erhöhe also meinen Auftrag auf „3 Stück Bauchredner-Puppen“ zusammenlegbar, Größe 100 cm. Lieferung per Nachnahme möglichst bald.“

Und Muskat machte sich an die Arbeit, sammelte ausrangierte Gegenstände bei Entrümpelungen, Sperrmüll und Altwarenhändlern („Etwas Neues verarbeite ich nicht“), mischte Farben, rührte Pappmaché an, modellierte und kreierte Wesen, wie sie ihm in den Kopf kamen. Schon lag aus Mannheim ein neuer Auftrag auf dem Tisch: „Da ich in meiner Geisterbahn eine Umstellung vornehmen will, genötige (sic!) ich einige neue Figuren.“

Legendärer Grüßgottsager

Muskats Figuren muten heute alles andere als hübsch an. Manche Gesichter sind Fratzen, groteske Karikaturen, die nicht selten eine menschliche Wesensart überspitzen und bloßstellen. Genau das mag der Grund dafür gewesen sein, warum Lothar-Günter Buchheim auf Muskat aufmerksam wurde. Der Kontakt in den 70er Jahren kam wahrscheinlich über das Münchner Stadtmuseum zustande, das eine große Puppentheatersammlung beherbergt und regelmäßig Exponate Muskats ankaufte (nur drei Puppen eines privaten Leihgebers befinden sich in der Dauerausstellung des Fürther Stadtmuseums).

Wenn es möglich war, arbeitete Muskat im Hinterhof im Freien. Hier traf ihn auch Buchheim an, der ihn mehrfach in Fürth besucht haben muss. Ein Foto des Sammlers zeigt Muskat vor einer seltsamen Kulisse: die Brandmauern des Hofes sind mit sonnenbeschienenen südländischen Motiven bemalt. Ein Werk von Muskat selbst, der sich so gerne fortträumte aus

der grauen Südstadt und sich so sein Paradies selber schuf. Das Gemälde ist spurlos verschwunden, überputzt, übermalt — was auch immer.

Im Museum in Bernried kann man im Rahmen der Ausstellung „Faszination Zirkus“ (bis 3. April 2011) Muskats legendären „Grüßgottsager“ bewundern. Der steht da mit seinem Hund in klassischem Ambiente und öffnet seine unvergleichlich strahlenden Glasaugen mit den viel zu langen Wimpern. „Bitte — meine Gäste“ liest man über dem Kraushaar-Haupt der bunten Figur, und unten im Sockel des Objekts ist eine kleine Schublade. In die konnte man ein paar Münzen werfen, wenn einem die Kunst des Josef Muskat, „König der Bastler“, gefallen hatte. Es soll stets kräftig in dem Kästchen geklimpert haben...