Erste Tagespflege für Fürth: Das Heim kann noch warten

23.7.2016, 21:00 Uhr
„Sie müssen das Herz mitbringen, die Geduld und den Willen, mit ihnen auf diese Reise durch diesen Tag zu gehen“, sagt Gabi Berthold über ihre Mitarbeiterinnern, die hier mit den Senioren Gymnastik machen.

„Sie müssen das Herz mitbringen, die Geduld und den Willen, mit ihnen auf diese Reise durch diesen Tag zu gehen“, sagt Gabi Berthold über ihre Mitarbeiterinnern, die hier mit den Senioren Gymnastik machen. © Foto: Horst Linke

Für den Nachmittagskaffee ist es noch ein bisschen zu früh. Es ist also Zeit für Gymnastik, im Sitzen, rund um den großen Tisch mit den kleinen Namensschildern, an dem schon alle versammelt sind. Geschirrtücher werden fix zu Schlangen gewickelt, die nun, gespannt zwischen den Händen, durch die Luft tanzen dürfen, während aus dem Radio eine vertraute Stimme klingt. Marianne Rosenberg mit „Er gehört zu mir“.

Marianne Rosenberg soll etwas Sicherheit geben, genauso wie die Bilder an der Wand und die altmodischen Kommoden und Schränke, die das „Betreuungsstuben“-Team vom Gebrauchtwarenhof gekauft hat und die so ähnlich in vielen Seniorenwohnungen zu finden sein dürften. Vertraute Dinge, so hofft man hier, tun der Seele von Demenzkranken gut, in einem Leben, in dem so viele Gewissheiten fehlen, in dem selbst die eigenen vier Wände manchmal fremd erscheinen und die Gesichter der Liebsten irgendwann nicht mehr die richtigen Namen tragen.

Auch das „Sportgerät“ ist bewusst gewählt: „Die Geschirrtücher kennen sie von früher“, sagt Gabi Berthold, die in den neuen Fürther „Betreuungsstuben“für den pflegerischen Bereich zuständig ist. Sie hat vor sieben Jahren die „Betreuungsstuben“ in Cadolzburg aufgebaut, in die bislang auch etliche Fürther Senioren gebracht wurden, weil es in der Großstadt noch kein solches Angebot gab. „Wir wollen kein Hightech-Aufbewahrungsbunker, sondern für die Menschen da sein“, sagte sie bei einem früheren Besuch der FN in Cadolzburg – und genauso will sie es auch am zweiten Standort in Fürth halten.

Von 8 bis 16 Uhr kümmert man sich hier, in der Gebhardtstraße 7, montags bis freitags um Menschen mit Demenz, Altersverwirrtheit oder einer geistigen Behinderung. Auch am letzten Sonntag im Monat ist geöffnet: „Um die pflegenden Angehörigen gerade am Wochenende zu entlasten“, so Berthold, wenn der Ehepartner zuhause ist, die Kinder zu Besuch kommen, die Freunde Zeit haben. Sie weiß, wie viele Angehörige an ihre Grenzen gehen. Deshalb sei es so wichtig, dass sie gut informiert sind über Hilfen, die sie in Anspruch nehmen können. In den „Betreuungsstuben“ können ein bis fünf Tage pro Woche gebucht werden, zwei Drittel der Kosten übernimmt die Pflegekasse, sagt Berthold, die sich Zeit nimmt, Lösungen mit den Angehörigen zu finden. „Die meisten sind erstaunt, dass selbst ohne Pflegestufe zwei Tage in einer Tagespflegeeinrichtung nicht so teuer sind.“ Die Betreuungsstuben bieten einen Fahrdienst an; der Zuschlag fällt weg, wenn man den Patienten selbst bringen kann.

Wenn es nötig ist, können die „Gäste“, wie das Team die Senioren nennt, auch nachts bleiben – Stichwort Verhinderungspflege. „Der Vorteil ist, dass sie die Räume hier dann schon kennen.“

Obwohl die Pflegebranche Nachwuchssorgen hat, sei es nicht schwer gewesen, Fachkräfte für die Einrichtung zu finden, erzählt Berthold. Der Job sei anders als im Heim, schon der Schichtdienst fällt weg: „Wir erleben hier die schöne Seite, der Mensch steht im Vordergrund.“

Berthold, Altenpflegerin, gerontopsychologische Pflegefachkraft und Pflegedienstausbilderin, hat selbst viele Jahre im Heim gearbeitet – und findet, dass es viel mehr Tagespflegeeinrichtungen geben müsste, damit Demenzkranke, die ja körperlich oft noch fit sind, nicht zu früh in eine stationäre Einrichtung ziehen müssen.

„Die Persönlichkeit ist lang da“

In den Betreuungsstuben werden sie, wenn sie möchten, eingebunden in Tätigkeiten, die sie kennen: Sie helfen, Schürzen und Geschirrtücher in die Waschmaschine zu räumen, schälen Kartoffeln fürs Mittagessen oder rühren den Teig für den Kuchen am Nachmittag. Ein kleiner Gartenbereich steht zur Verfügung. Und manchmal geht es auf den Markt.

„Wir lassen uns auf ihren Rhythmus ein“, sagt Berthold. Es muss auch niemand bei der Gymnastik mitmachen: Eine Frau etwa, der Puppen die Welt bedeuten, darf sie am Tisch weiter herzen. „An ihrem Lachen sehen wir, dass es ihr gut geht.“

Bertholds Erfahrung: „Trotz Demenz ist die Persönlichkeit noch ganz lang da.“ Gespräche mit Angehörigen helfen ihr und ihren Kollegen, zu verstehen, warum einer etwas tut, „das für uns vielleicht im ersten Moment verrutscht aussieht.“

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