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Faust als buntes Potpourri

Die Deutsche Tanzkompanie macht aus dem Klassiker im Stadttheater ein bilderbuntes Spektakel - 17.11.2019 12:00 Uhr

Neue Sicht auf einen alten Stoff: Das engagiert agierende Ensemble hat es nicht leicht, sich in der Flut der Einfälle von Choreograf Lars Scheibner zu behaupten. © Foto: Oliver Hohlfeld


Jedenfalls wissen wir dank des emsigen Mitschreibers, was Goethe von den Reaktionen auf sein Meisterwerk hielt: "Da kommen sie und fragen, welche Idee ich in meinem Faust zu verkörpern gesucht. Als ob ich das selber wüsste ."

Das mag Schüler, die sich im Unterricht mit Faust-Analysen quälen, beruhigen. Doch Goethe gab noch mehr zu Protokoll: "So habt doch endlich einmal die Courage, euch den Eindrücken hinzugeben, euch ergötzen zu lassen ." Worte, die als Gebrauchsanweisung für eine "Faust"Inszenierung taugen könnten. Lars Scheibner ist der Vorlage auf sehr offensichtliche Weise gefolgt.

Seine Choreografie und Inszenierung des alten Stoffs als Tanzdrama will viel und bleibt doch im Vordergründigen stecken. Dem künstlerischen Leiter der Deutschen Tanzkompanie Neustrelitz wird zum Verhängnis, dass sein Versuch, Goethes "Faust" aus der Handlungsfolge der Tragödie zu lösen, viel zu halbherzig wirkt. Mit hohem Wiedererkennungswert nimmt es dieses gut anderthalbstündige Tanz-Gastspiel mit dem Original auf.

Das Streben, den Stoff vom vertrauten Ablauf her in eine neue Sicht zu transferieren, ist erkennbar, führt aber leider nicht sehr weit: Es entbehrt nicht eines aktuellen Mediums, wenn der alte Faust (Axel Rothe) nun zur Virtual-Reality-Brille greift und plötzlich sein junges Alter Ego (Vasyl Pieshyn) erkennt. Hilflos muss der Alte mitansehen, wie sein verjüngtes Ich Gretchen (Mai Förster) benutzt und in den Wahn treibt. Ihre Erlösung bleibt aus. Bevor der Vorhang fällt, haben Fragen, gestellt von Kindern, das letzte Wort.

Ein Blick auf die Tragödie, über den man streiten kann, aber warum nicht? Ganz anders sieht es aus mit dem Weg, der bis zu diesem Finale führt. Der ist gepflastert mit viel zu vielen Requisiten und allzu offensichtlichen Zitat-Hinweisen. Dass Mephisto (Esteban Alejandro Barias Garrido) beim ersten Zusammentreffen mit Faust tatsächlich auf allen Vieren Stöckchenartiges zu apportieren scheint - bei des Pudels Kern, das ist einfach zu viel. Tanzende Bierkrüge mit Schaum in Auerbachs Keller sind, nun ja, deutlich. Ganz zu schweigen von dem Bett, dass auf die Bühne rollt, um als Ort der Verführung jeden Zweifel zu tilgen. Oder dem Plüschbären, der zuvor als Symbol von Gretchens Unschuld auf nämlichem Bett thronte, später von der Ärmsten geboren wird und dann den Kopf abgerissen bekommt.

Ähnlich bilderreich gestaltet sich die Tanzsprache, die Scheibner für sein engagiert agierendes Ensemble fand. Selbst pantomimische Gesten werden eingesetzt statt Körper in der Bewegung sprechen zu lassen. Dazu gesellt sich eine musikalische Untermalung, die ebenso breit gestreut ist und von De Höhner über Vangelis bis zu Hubert von Goisern reicht.

Was fehlt in diesem überreichen Potpourri, ist das Vertrauen in die Abstraktionskraft der Zuschauer, der Mut, allen Tand hinter sich zu lassen und das ewig menschliche "Faust"Gefühl allein mit den Mitteln des Tanzes erlebbar zu machen.

"Faust – ein Tanzdrama nach Johann Wolfgang von Goethe": Deutsche Tanzcompagnie, Stadttheater. Weitere Termine 20. und 21. November (jeweils 19.30 Uhr). Karten in der FN-Geschäftsstelle (Schwabacher Straße 106, Tel. 2 16 27 77) und an der Theaterkasse

SABINE REMPE

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