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Fort mit den Fesseln

Der „Antho? - Logisch“-Preis 2016 widmete sich der „Freiheit“ - 16.06.2016 09:00 Uhr

"Antho? - Logisch"-Initiator Marco Frohberger (li.) gratuliert dem Essener Autor Wolfdietrich Jost. Er erhielt den ersten Preis der Jury.

15.06.2016 © Markus Kohler


„Freiheit“ lautete das Thema diesmal. Dem einen geht es da um kleine, private Chancen, dem anderen um große gesellschaftliche Entwicklungen, der nächste beschreibt Varianten der Gefangenschaft. All das findet sich in dem von Frohberger herausgegebenen Sammelband. Den dritten Preis erkannte die Jury Astrid Ebners Kurzgeschichte „Aufzeichnungen aus dem Hier“ zu. Die Ich-Erzählerin ist ein Mädchen in der Psychiatrie, das glaubt, dort nicht hinzugehören. Obwohl eingeschlossen, fühlt sie sich frei. Die Gespräche mit den Psychologen nimmt sie rotzig-frech als Herausforderung wahr, über Mitpatientinnen fühlt sie sich erhaben. Konsequent zieht die Story die exakt getroffene Perspektive des Mädchens durch. Zudem schreibt die junge Grazerin auf hohem sprachlichem Niveau.

Zweiter ist Thomas Mühlfellner aus Wien mit „Qomolangma“, das ist der tibetische Name des Mount Everest. Nazim erklimmt jedoch kein hohes Gebirge, sondern erklettert eine Müllkippe. Er will sich und der Welt beweisen, dass er kein Loser ist. Nie hat er die Demütigung vergessen, als er bei einer Mathe-Olympiade Sechster wurde, aber nicht mit den anderen Siegern nach Argentinien fahren durfte. Das blieb einem blonden Mädchen vorbehalten, das die gleiche Punktzahl wie er erzielt hatte. So kämpft Nazim sich immer höher hinauf, eine Verletzung spornt ihn nur an. Ob oben die Freiheit wartet? Exzellent und hintergründig geschrieben.

Der Sieger: „Zu neuen Ufern“ von Wolfdietrich Jost aus Essen. Er beschreibt essayistisch, dass zu echter Freiheit auch die Freiheit von wirtschaftlichen Sorgen gehört. Ironisch- bitter berichtet Jost von einer Firma, die einen Lay-off-Manager anheuert; der impft den Entlassenen ein, dass sie nun ihre Fesseln los seien und alle Möglichkeiten dieser Welt hätten. Doch der beispielhaft vorgeführte Arbeitslose, der „Freiarbeiter neuen Typs“, wird obdachlos. Ein pointierter, kabarettnaher Kommentar zu neoliberalen Auswüchsen, der zurecht ausgezeichnet wurde und einen würdigen Schlusspunkt des „Lesen!“-Fests 2016 bildete.

CLAUDIA SCHULLER

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