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Franken testen neue Wohnformen

Fürther Verein Anders Wohnen über seine Erfahrungen - Blick in die Nachbarstädte - 22.10.2013 09:00 Uhr

Im Haushalt der 92-jährigen Erlangerin Elisabeth Meyer macht sich Chemiestudentin Marie Braun (21) nützlich und kann dafür kostenlos bei ihr wohnen. Das Studenten-Projekt soll auch auf Fürth ausgedehnt werden. © Julia Beeck


Seniorenwohnanlagen als Alternativen zum Heim gehören dazu. Ebenso Projekte, die Generationen wieder zusammenführen. Manche schlagen zudem Brücken zwischen sozialen Schichten und Nationalitäten, wie der Verein Anders Wohnen Fürth. Auch in den Nachbarstädten tut sich einiges.

Seit rund zwei Jahren laufen unterschiedliche Wohnprojekte in Nürnberg, Fürth und Erlangen. Die ersten Erfahrungen damit sind durchaus ermutigend. Auch wenn überall nachjustiert werden musste, hat sich doch kaum eines als Flop erwiesen. Jederzeit wieder würde die ehemalige Fürther Quartiersmanagerin und jetzige Vereinsvorsitzende von Anders Wohnen Fürth, Gerda Zeuss, das Experiment wagen, Menschen aus ganz verschiedenen Lebenssituationen zu einer Hausgemeinschaft zusammenzuführen.

Erst zwei Mieterwechsel hat es in dem von der Stiftung der Fürther Arbeiterwohlfahrt umgebauten ehemaligen Kinderspital an der Theresienstraße gegeben. Diese geringe Fluktuation spricht für das Konzept. Die Hausgemeinschaft unterstützt sich gegenseitig. „Wir lösen Konflikte zivilisierter als andere Mietergruppen“, sagt Zeuss. Zudem pflege man einen guten Kontakt zur Nachbarschaft. Lediglich die zur Projektfinanzierung nötige Vermietung von Gemeinschaftsräumen laufe noch nicht optimal. Dafür funktioniere die Integration der Mitbewohner verschiedenster Nationalität hervorragend.

Reibungspunkte sieht der frühere Vereinschef Friedrich Wagenpfeil in der unterschiedlichen Lebenssituation der berufstätigen und pensionierten Bewohner. Die anfängliche Euphorie habe einer nüchternen Einschätzung der Möglichkeiten Platz gemacht. Dennoch hat er wie Gerda Zeuss seinen Schritt in die Hausgemeinschaft nicht bereut. Dies aber auch wegen der mit 7,56 Euro pro Quadratmeter vergleichsweise günstigen Neubaumiete. Die sechs geförderten Wohnungen für bedürftige Menschen und neun frei finanzierten Wohnungen sind voll belegt.

Eine lange Warteliste von Mietanwärtern hat die Nürnberger Genossenschaft „andersWohnen“ für ihren 43 Wohnungen umfassenden Neubau hinter dem Nürnberger Hauptbahnhof. Die Organisation möchte in erster Linie junge Alleinerziehende und Senioren zu einer Solidargemeinschaft verbinden. Das gelingt nach den Worten von Genossenschaftsvorstand Hans Meßberger allerdings nur mit Abstrichen, weil die Interessen bei den großen Altersunterschieden einfach zu verschieden seien. Was fehle, seien die mittleren Jahrgänge.

Gegenseitige Hilfe

Dafür entwickelt die ältere Generation eine lebhafte Gruppendynamik. Wie Mitbewohnerin Elfriede Mehl berichtet, gibt es unterschiedlichste Hobbykreise. Man helfe sich wechselseitig und pflege einen vertrauten Umgang. Die älteren Bewohner wollten vor allem der zunehmenden Anonymität entkommen. Das Wohnprojekt in der Karl-Bröger-Straße verfügt ebenfalls über Gemeinschaftsräume, die von Externen gemietet werden können, ferner über eine Gästewohnung und eine Bäckerei.

Neben 23 sozial geförderten Seniorenwohnungen und zehn bezuschussten Wohnungen für Alleinerziehende gibt es zehn frei finanzierte Wohnungen. Die Miete liegt bei 8,20 Euro pro Quadratmeter. Anders als in Fürth müssen Alleinerziehende aber wegen der dann wegfallenden Fördermöglichkeiten ihre Wohnungen räumen, wenn sich ihre Lebenssituation verändert. Zeuss hält dagegen: „Wir wollen keinen ausschließen“.

Während die Nachbarschaftshilfe in Fürth spontan und situationsabhängig geleistet wird, wurde in Nürnberg ein detaillierter Leistungskatalog mit klar definierten Zuständigkeiten ausgearbeitet. Keine Erfahrungen sammelten beide Einrichtungen bislang mit Pflegebedürftigen.

Meßberger wünscht sich grundsätzlich mehr Unterstützung alternativer Wohnformen durch die Kommunen. Noch immer würden Immobilien nicht nach sozialen Geschichtspunkten verwertet, sondern meistbietend. Und Koordinierungsstellen für Wohnprojekte seien oft Fehlanzeige. Finanzschwache Genossenschaften liefen so Gefahr, in den Mühlen der Bürokratie zermahlen zu werden.

In Erlangen hat das Wohnungsamt allerdings die Initiative ergriffen. „Wohnen für Hilfe“ heißt ein Projekt, das Auszubildenden und Studenten preisgünstigen Wohnraum vermittelt. Die Faustregel lautet: „ein Quadratmeter für eine Stunde Hilfe im Monat“. Es kann Gartenarbeit sein, Hausarbeit, Kinder- und Tierbetreuung, Nachhilfe oder einfach nur Anwesenheit. Vermittelt werden Studenten und Auszubildende mit entsprechenden Fähigkeiten an vorgemerkte Vermieter, die Hilfe benötigen und dafür die Miete reduzieren.

Zwei Monate Probezeit

64 Zweckgemeinschaften wurden seit Juli 2011 bereits in die Wege geleitet, berichtet Koordinatorin Gabriela Hesel bei einem Informationsaustausch alternativer Wohnprojekte im MyOma-Café der Fürther Columbia Bakery in der Fürther Kreuzstraße. Gut die Hälfte davon sei mit Senioren abgeschlossen worden. Probleme gebe es nur, wenn die Erwartungen der Vermieter nicht klar genug geäußert würden. Eine zweimonatige Probezeit bewahre allerdings vor längeren Enttäuschungen.

Da es etwa vier Mal so viele Interessenten wie Wohnungsanbieter gibt, strecken Hesel und ihre Kollegin Ursula Andretzky die Fühler bereits in die Nachbarstädte aus. So wurde auch in Fürth schon die erste Wohngemeinschaft zum gegenseitigen Nutzen angebahnt. Die Resonanz fiel bislang überwiegend positiv aus. Viele Studenten finden Gefallen daran, sich nützlich zu machen und Familienanschluss zu finden, Senioren wiederum genießen es, Gesellschaft zu haben. 

VON VOLKER DITTMAR

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