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Fürth als Spinne im Spiegelnetzwerk

Gilbert Krapf lieferte tiefe Einblicke in den einst wichtigsten Wirtschaftszweig der Stadt - 28.11.2016 16:00 Uhr

Spiegel und ihre Geschichte sind seine Leidenschaft: Gilbert Krapf. © Foto: Kunz


Erstaunlich, wie viel profundes Detailwissen, Technologie-, Kultur- und Sozialgeschichte Krapf in seinem zweistündigen Vortrag unterbringt. Dahinter stecken viele Jahre fleißiger Archivarbeit und Feldforschung, die darüber hinaus sehr sehenswertes Bildmaterial aus unterschiedlichsten Quellen zu Tage brachten.

Bereits seit den 80er Jahren beschäftigt sich Krapf mit dem Thema, auf das er durch sein anderes Steckenpferd, die Wasserkraft, gestoßen ist. „An vielen Orten bin ich immer wieder auf diesen Zusammenhang mit Fürth gestoßen“, sagt Krapf über seine Forschungen in alten Schleifmühlen und Glashütten — damals, als Zeitzeugen noch befragt werden konnten. Als ihn ein Arbeitsplatzwechsel nach Fürth führte, faszinierte den Ingenieur das Thema ganz neu: „Da war ich dann plötzlich an dem Ort, wo all diese Fäden zusammenliefen.“

Luxuriöses Gut

Spiegel, vor allem großformatige, waren im Mittelalter und der frühen Neuzeit ein luxuriöses High-Tech-Produkt. Über die Geheimnisse und die besten Rohstoffe für die Herstellung von Spiegelglas verfügten bis ins 17. Jahrhundert hinein nur die Glasbläser der italienischen Insel Murano. Nürnberg spielte jedoch eine wichtige Rolle im Handel mit diesen hochpreisigen Spitzenerzeugnissen. In und um Nürnberg – und ab dem frühen 18. Jahrhundert vor allem in Fürth – wurden kleine, weniger hochwertige Spiegel für den Massenmarkt hergestellt, die als der sprichwörtliche Nürnberger Tand in alle Land gingen. Das technologische Know-how brachten eingewanderte Fachkräfte, vor allem aus Frankreich, mit. Fürth stieg im 19. Jahrhundert schließlich zum wichtigsten Produzenten in Bayern und zum exportorientierten Global Player im Spiegelgeschäft auf. Hinter der spannenden Kulturgeschichte des Spiegels stehen Innovationen, Technologiewechsel, sich verändernde Märkte und politische Umwälzungen. An sie mussten sich Fürther Spiegelfabrikanten, die als Meister der Imitation viel teurerer Ware galten, immer wieder anpassen. Sie lieferten ihre Massenartikel bis nach Indien, Australien und Amerika.

Dank der Eisenbahn nahm die lokale Abhängigkeit von Standortfaktoren wie Wasserkraft, Wald und Rohstoffvorkommen ab, der Transport wurde erleichtert. Die Glashütten und Schleifmühlen der Fürther Hersteller lagen vor allem in der Oberpfalz und verstreut über Westböhmen.

Der Niedergang dieses wichtigsten Gewerbes der Stadt begann noch vor dem Ersten Weltkrieg, beschleunigt vor allem durch neue, günstigere Verfahren der Großbetriebe und durch Importbeschränkungen der USA, dem wichtigsten Markt der Fürther. Bis zu den 1930er Jahren mussten die meisten Spiegel- und Tafelglasfabriken, Facettenschleifereien und Rahmenhersteller in Fürth, aber auch ihre Zulieferer im Hinterland schließen – ein gewaltiger Strukturwandel war im Gang.

Harte Bedingungen

Bis heute zeugen Baudenkmäler in Fürth und in der Oberpfalz von der einstigen Bedeutung dieser Branche. Auf der anderen Seite der Medaille stehen die oft harten und ungesunden Arbeitsbedingungen bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein — in den Waldglashütten in dunklen Oberpfälzer Tälern ebenso wie in Fürther Mansarden, wo meist Frauen die Spiegel mit hochgiftigem Quecksilber belegten. Eine Altlast, die Hausbesitzern bis in die Gegenwart zu schaffen macht.

Erhellend an Krapfs vertikaler wie horizontaler Durchdringung der Fürther Spiegelglasindustrie ist gerade, dass er das regionale und globale Netzwerk abbildet, in dem Fürth wie die sprichwörtliche Spinne im Netz saß. Es ist ein vielschichtiges Bild, das er von diesem heute völlig verschwundenem Wirtschaftszweig zeichnet. 

Peter Kunz

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