Entwicklung mitgeprägt

Fürth hat seinen Gastarbeitern ein Denkmal gesetzt

18.7.2021, 16:00 Uhr
Initiator Ayhan Yesil (von links), Bildhauer André Jeschar und Oberbürgermeister Thomas Jung enthüllten gemeinsam das Denkmal.

Initiator Ayhan Yesil (von links), Bildhauer André Jeschar und Oberbürgermeister Thomas Jung enthüllten gemeinsam das Denkmal. © Hans-Joachim Winckler

Sie hatten einen maßgeblichen Anteil am sogenannten Wirtschaftswunder der Nachkriegsjahre, die „Gastarbeiterinnen“ und „Gastarbeiter“, die etwa aus Italien, der Türkei und Griechenland nach Deutschland kamen, um hier vorwiegend in den Fabriken und im Dienstleistungssektor zu arbeiten. Auch in Fürth haben sie tatkräftig am wirtschaftlichen Aufschwung mitgewirkt - und die Gesellschaft bunter und vielfältiger gemacht.

Die Stadt hat ihnen nun ein bleibendes Denkmal gesetzt: Ein Kastanie und eine von dem Fürther Bildhauer André Jeschar geschaffene Stele in unvermittelbarer Nachbarschaft zum Rathaus und zum Ludwig-Erhard-Zentrum erinnert nun an deren Leistung. „Fürth dankt allen Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern von Herzen. Sie haben unsere offene Stadtgesellschaft bereichert und die wirtschaftliche Entwicklung entscheidend mitgeprägt.“ So ist auf der Stele aus Kalkstein zu lesen. Das Material hat der Künstler mit Bedacht gewählt, stammt es doch auch aus dem Mittelmeerraum.

Koffer als Sinnbid

Flankiert wird der Text von zwei Flachreliefen. Das eine zeigt die Situation, wie sich ein junger Mann in seinem Heimatdorf voller Hoffnung mit seinem Koffer auf den Weg macht, seine Familie winkt ihm zum Abschied. Dem hat Jeschar die Ankunft auf einem kalten Bahnhof in in einer fremden Welt gegenübergestellt. „Mir war es wichtig, dieses Spannungsverhältnis zu verdeutlichen, während in der Heimat die Dörfer ausbluteten, standen die Menschen hier in Deutschland erst einmal völlig alleine da, keiner hat auf sie gewartet“, erläutert der Künstler seine Idee. Der Koffer wird zum Sinnbild von Abschied und Hoffnung zugleich.

Der Text erinnert an de Leistung der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter.

Der Text erinnert an de Leistung der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter. © Hans-Joachim Winckler

Die Idee zu dem Denkmal stammt von dem Unternehmer früheren Fürther SPD-Stadtrat Ayhan Yesil. Zur Enthüllung des Denkmals hat er seine Mutter mitgebracht. Sie kam 1972 mit 26 Jahren zunächst allein nach Deutschland und fand bei Grundig Arbeit, lebte zunächst in einer Gemeinschaft mit vier weiteren Frauen. Erst sieben Monate später kam ihr Mann mit den beiden Kinder nach. Ayhan wurde dann 1974 hier in Fürth geboren. Die Stele erinnert ihn an die Worte seines im letzten Jahr verstorbenen Vaters, der immer dann, wenn es in seinem Unternehmen einmal nicht so gut lief, sagte: „Ich bin mit einem Koffer gekommen, ich kann auch mit einem Koffer wieder gehen.“

Teil der Gesellschaft

Die meisten der Gastarbeiter wurden für überwiegend schwere Arbeiten mit Akkordlohn eingesetzt, sie arbeiteten im Schichtdienst in vorwiegend ungelernten Tätigkeiten. Integration war damals noch kein Thema. Die Bundesregierung sah damals vor, dass die Gastarbeiter in einer Art Rotationsprinzip mit befristeten Verträgen kamen und nach einiger Zeit wieder in ihre Heimatländer zurückkehren sollen. Diese Pläne waren allerdings bald obsolet: Die Gastarbeiter blieben, auch in Fürth, holten ihre Familien nach und wurden ein Teil der Gesellschaft.

„Leider haben wir in Deutschland, was die Integration betrifft, jahrzehntelang keine Unterstützung geleistet“, sagte Oberbürgermeister Thomas Jung. Das sie aber deutlich anders geworden. „Wir bemühen uns in Fürth um ein gutes Miteinander und verstehen uns als offene Stadtgesellschaft, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft sich einfach wohlfühlen können.

Ein gutes Beispiel dafür ist auch Giovanni Tarì, der bereits in den 1960er Jahren seine Heimat Italien verließ und nach Deutschland kam. Er musste damals, als er schon 15 Jahre hier lebte, lange dafür kämpfen, in Fürth einen Kleingarten zu bekommen - „Ausländern“ war das zu dieser Zeit noch verwehrt. Erst als sich die Fürther Nachrichten dem Thema annahm, hatte er mit seinem Ansinnen Erfolg. Seine Lebensgeschichte hat er nun gemeinsam mit Heidemarie Glöckner, die sich in Fürth für die Integration von ausländischen Mitbürgern engagiert, veröffentlicht. Am 29. Juli präsentieren beide das zweisprachige Buch mit dem Titel „Die Arbeit mobilisiert den Menschen“ um 19 Uhr im Interkulturellen Garten.