Fürth läutet neue Produktions-Ära ein

19.5.2013, 22:00 Uhr
Im 1200 Quadratmeter großen Anwenderzentrum VerTec arbeitet Ingenieur Tilman Knorr an einem Rotationsverdampfer zum Destillieren.

Im 1200 Quadratmeter großen Anwenderzentrum VerTec arbeitet Ingenieur Tilman Knorr an einem Rotationsverdampfer zum Destillieren. © Mark Johnston

Was auf niederem Niveau bereits mittels Laser praktiziert wird, der Druck dreidimensionaler Objekte, das erhält in den Labors des am Freitag eröffneten Anwenderzentrums VerTec Steilformat. Aus schichtweise mit einem Elektronenstrahl ge-schmolzenem Metallpulver können äußerst exakt und schnell etwa leistungsfähige Katalysatoren und Mini-Reaktoren gedruckt werden.

Mit deren Hilfe kann man beispielsweise aktuell nicht benötigte regenerative Energie auf Wasserstoff-Basis speichern. Auch die Produktion von Anilin, wichtiger Ausgangsstoff zur Herstellung von Kunstfasern und Medikamenten, lässt sich mit Apparaten aus der Fürther High-Tech-Druckerei wesentlich effizienter gestalten.

Für Industriebetriebe rechnet sich die Investition in die Zukunftstechnik durch geringeren Rohstoff-Verbrauch und höhere Qualität. Unter dem Strich können also die Produktionskosten gesenkt werden, weiß der Erlanger Chemieprofessor Peter Wasserscheid. Zusammen mit der Lehrstuhlinhaberin für Werkstoffkunde und Technologie der Metalle, Carolin Körner, leitet er die mit elf Millionen Euro vom Land Bayern geförderte Ideenschmiede in der Fürther Uferstadt.

Dass der Elektronenstrahl dem Laser in den Anwendungsmöglichkeiten und an Präzision weit überlegen ist, hat Körner den zahlreichen Gästen bei der feierlichen Einweihung des Anwenderzentrums vor Augen geführt. Dabei kann die Fürther Einrichtung mit ihrem interdiziplinären Ansatz auftrumpfen. Denn eingebettet ist sie in das am Fürther Technikum beheimatete Zentralinstitut der Friedrich-Alexander-Universtität für neue Materialien und Prozesstechnik.

Die wichtigste Errungenschaft des 3-D-Drucks sieht der „Vater“ des Technikums und Geschäftsführer der Neue Materialien Fürth GmbH, Prof. Robert Singer, im überflüssig gewordenen Formenbau. Bei zunehmender Produktvielfalt ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor. Eine hervorragende Rolle spielt das Fürther Anwenderzentrum in den Augen von Uni-Präsident Karl-Dieter Grüske beim Vorantreiben der Energiewende.

Möglich wurde es jedoch erst durch den Niedergang der Fürther Industriegiganten Grundig und Quelle. Ersterer machte Platz für neue Entwicklungen am ehemaligen Standort an der Stadtgrenze, und auf die Quelle-Pleite reagierte der Freistaat mit einem 115 Millionen Euro umfassenden Strukturförderprogramm, das auch VerTec ermöglichte. Fürths Wirtschaftsreferent Horst Müller macht für die erfolgreiche Realisierung des Technologiestandorts aber vor allem den Einsatz von Triebkräften wie Singer verantwortlich.

Als „eines der schönsten Beispiele dafür, wie man Strukturwandel gestalten kann“, bezeichnet Wirtschafts-Staatssekretärin Katja Hessel das Fürther Technikum mit seinen drei Entwicklungshallen, dem Zentralinstitut, dem ersten eigenen Fürther Uni-Lehrstuhl für Werkstoffsimulation und nun auch noch dem Anwenderzentrum VerTec. Auch sie attestiert dem 3-D-Druck hervorragende Marktchancen und lobt die wertvolle Fürther Pionierarbeit.

Dabei kann die junge Wissenschaftsstadt bald noch weiteren Zuwachs feiern. Am 11. Juli eröffnet Ministerpräsident Horst Seehofer im Golfpark das 23 Millionen Euro teure neue Röntgenentwicklungszentrum des Fraunhofer-Instituts für integrierte Schaltungen.

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