Fürth vor 25 Jahren: Abriss der Grüner-Brauerei naht

24.4.2015, 19:30 Uhr
Originalartikel vom 23. April 1990.

Originalartikel vom 23. April 1990. © FN

Die letzten Wahrzeichen der einst so stolzen Industriestadt verschwinden im Zuge einer Radikalkur aus der Innenstadt. Nach der alten Geismann-Brauerei (jetzt City Center) kommt nun die Grüner-Brauerei an die Reihe. Anstelle der bereits jahrelang leerstehenden Gebäude aus der Gründerzeit werden bis 1992 ein Altenheim sowie Wohn- und Geschäftsräume hochgezogen. Verloren ist der Kampf um den Erhalt des Sudhauses als Industriekulturdenkmal.

Da es sich um ein Privatgrundstück (Patrizier Bräu) handelt, waren die städtischen Einflußmöglichkeiten von vorneherein begrenzt. Für die Genehmigung wog schließlich die Aussicht auf ein weiteres Altenheim mehr als der Wunsch nach Erhalt des Sudhauses, das sich zudem nur schwer aus dem zum Abriß freigegebenen Gebäudekomplex herauslösen ließe. Immerhin konnte auf Drängen des Baukunstbeirats der Kompromiß geschlossen werden, daß - wie ansatzweise auch beim City Center geschehen - Teile der alten Fassade in den Neubau zu integrieren sind.

So sehr Baureferent Dieter Matuschowitz diese Entwicklung auch bedauert, so unterstreicht er doch das Bemühen der Bauverwaltung, das beste herauszuholen. Noch gerungen wird über die Auflage, die neuen Fassaden ebenfalls wieder in Sandstein auszuführen. Um die kunstvollen alten Fassadenteile später sinnvoll integrieren zu können, erstellt das Baureferat in Zusammenarbeit mit der Münchner Strabag AG als Bauträger derzeit eine Fotodokumentation.

"Höchst bedenklich"

Daß es soweit kommen mußte, hält der einstige Fürther Förderpreisträger für Bildende Kunst, Ernst-Ludwig Vogel, für "unnötig und aus der Sicht des Denkmalschutzes höchst bedenklich". An Initiativen seinerseits zum Erhalt des Sudhauses in seiner originalen Bausubstanz hatte es nicht gemangelt. Bereits 1988 hatte er sich bei der Patrizier Bräu als Kaufinteressent für das Gebäude vormerken lassen. Nachdem der Teilverkauf nicht zustande kam, wandte sich Vogel umgehend an den Erwerber des kompletten Areals, das Regensburger Ingenieurbüro Jena. Ein Jahr mußte er auf Antwort warten, doch dann war die Planung bereits abgeschlossen und der Komplex an den Generalbauunternehmer weiterverkauft.

Trotz des langen Leerstehens erwies sich die Bausubstanz des Sudhauses einschließlich des Dachreiterturms bei einer Begehung mit Fachleuten im Februar als völlig intakt. Gemeinsam mit dem Fürther Architekt Heinrich Graber hatte Vogel eine Planung erstellt, die die alten Kesselschächte, runden Wandeinbauten und Treppen in das Konzept integrierte. Anders als das Ingenieurbüro Jena sieht Vogel in der engen Verzahnung des Sudhauses mit den Nachbargebäuden keine unüberwindbare Schwierigkeit für den Erhalt. Unterstützt wurde er in seiner Auffassung durch den Leiter des Bauordnungsamtes, Dieter Meyer-Rhotert.

Doch für die Strabag steht fest, daß es nicht möglich ist, das neue Sudhaus aus dem rund 25 Millionen Mark teuren Gesamtprojekt herauszunehmen und einzeln zu verkaufen. Es sei außerordentlich schwierig geworden, das viele Jahre brachliegende Brauerei-Areal so zu überplanen, daß eine sinnvolle, neue Nutzung sich wirtschaftlich verantworten lasse. Viele Versuche seien hierbei gescheitert. So ist es für die Strabag erforderlich, im Kellergeschoß den Bereich unter dem Sudhaus in die geplante Tiefgarage mit einzubeziehen. Im Erdgeschoß befindet sich der Eingang zu der vorgesehenen Ladenzeile und in den Obergeschossen sind Studiowohnungen geplant, die sich jeweils über zwei Stockwerke erstrecken. Aus wirtschaftlichen Gründen erfolgen ferner der Zugang und die Anschlüsse vom Treppenhaus des danebenliegenden Neubaues.

Opfer von Phantasielosigkeit?

Heute fühlt sich Industriekulturfan Vogel als Opfer mangelhafter Phantasie, Kreativität und Integrationsbereitschaft seitens des Ingenieurbüros, das seine Vorstellungen schlicht für unmöglich hielt. Traurig und wütend sei er über den aktuellen Stand des Projektes vor allem deshalb, weil er schließlich nicht mit irgendwelchen Wünschen in ein endgültiges Konzept hineingeplatzt ist, sondern schon sehr frühzeitig darauf aufmerksam gemacht hatte.

Vogel wörtlich: "Wenn ich daran denke, daß nun ein originelles Industriekultur-Denkmal von heute auf morgen verschwinden soll, das man ohne die stinkfaulen Kompromisse zwischen Bauherrn, Landesamt für Denkmalpflege und dem sogenannten Baukunstbeirat hätte erhalten können, dann kommt bei mir arger Frust und echte Wut hoch. Wieviele Baudenkmäler sollen in Fürth denn noch verschwinden?" Auf den Umgang mit Industriekultur in Fürth wird Ernst-Ludwig Vogel auch heute abend bei seinem Vortrag über Passagen und Galerien um 20 Uhr im Casino der Stadtsparkasse eingehen.

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