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Fürth: Wie der Wanderfalke wieder heimisch wird

Menschen hatten ihn fast ausgelöscht, heute brüten fünf Paare in Stadt und Landkreis - 13.05.2017 13:00 Uhr

Günter Löslein (links) und Kurt Hussong beringen einen jungen Wanderfalken im Turm des Steiner Schlosses. © Fotos: Hans-Joachim Winckler


Es herrscht ein ziemliches Gezeter im Turm des Steiner Schlosses. Draußen schimpft der beunruhigte Muttervogel, übrigens eine waschechte Fürtherin. Drinnen protestieren vier flauschige, aber sehr wehrhafte Jungtiere dagegen, dass sie vorübergehend aus ihrem Nistkasten geholt wurden.

Davon unbeeindruckt und mit geschickten Fingern nehmen sich Günter Löslein und Kurt Hussong einen Vogel nach dem anderen vor. Löslein hält ihn fest, Hussong knipst ihm mit einer Zange einen Aluminiumring ans Beinchen (siehe Artikel unten). Die Falken wehren sich mit ihrem Schnabel und den spitzen Krallen. Tut das weh? "Es geht, viel größer dürften sie aber nicht sein", sagt Löslein und grinst schief.

Seit einigen Jahren nisten Wanderfalken am Turm des Steiner Schlosses in einem komfortablen Brutkasten. Auch für die Vogelschützer ist die Lage angenehm. Haben sie erst einmal die zahllosen Stufen bis unters Dach bewältigt, können sie durch ein Guckloch im Kasten sehen, wie viele Eier darin liegen bzw. wie viele Jungtiere geschlüpft sind.

Der Muttervogel musste draußen unter lautem Protest abwarten, bis die beiden Männer die Jungen zurück in den Kasten setzten.


Wollen Löslein und Hussong Ringe anbringen, so wie heute, müssen sie nur die Rückwand öffnen und die Insassen mit einem beherzten Griff herausholen. Ist die Prozedur vorüber, geht’s noch auf die Waage und dann zurück ins Nest. Die vier Jungen wirken pumperlgsund, Hussong ist zufrieden.

Der Falkner kann von anderen, von dramatischen Zeiten erzählen. Pestizide in der Landwirtschaft hatten den Wanderfalken an den Rand des Aussterbens gebracht. In Deutschland lebten nur noch 40 bis 50 Brutpaare. Heute sind es wieder über 1000. Geholfen haben ein Verbot des Giftes DDT sowie das Engagement von Naturschützern und Falknern, die Wanderfalken züchteten und auswilderten.

Weil ihre traditionellen Nistplätze an Felswänden entweder von Artgenossen belegt sind oder von Menschen gestört werden, weichen sie heute mehr und mehr in Städte aus – auf "künstliche Felsen" wie beispielsweise Kirchen. In Fürth begann die Erfolgsstory der Wanderfalken 2002 am Turm von St. Paul in der Südstadt, wo sie einen Nistkasten für Dohlen okkupierten. Fürs nächste Jahr baute Hussong einen größeren, artgerechten Kasten, seitdem flogen von dort über 40 junge Falken aus. Dank der Beringung lässt sich ihr Lebensweg oft nachvollziehen. Dass mittlerweile die Kirche St. Johannis in Burgfarrnbach, das Steiner Schloss, der Cadolzburger Aussichtsturm und die Veitskirche in Veitsbronn Brutpaare beherbergen, ist auch den Falken von St. Paul zu verdanken.

Ein Südstadt-Weibchen brütet Jahr für Jahr an einem Industriegebäude in Fürstenfeldbruck, ein anderes in Schwabach. Ein Weibchen, das in Burgfarrnbach schlüpfte, sorgt heute im sächsischen Glauchau für Nachwuchs. Ein junger Falke aus St. Paul versucht gerade mit einer Partnerin aus Baden-Württemberg, den Turm der katholischen Kirche in Zirndorf zu besiedeln. Wenn der Glockenturm demnächst saniert wird, soll ihnen noch in diesem Jahr ein Nistplatz gebaut werden.

Die Weibchen fliegen weit

Was auffällt: Die männlichen Falken bleiben eher im Umkreis ihres Geburtsortes, die weiblichen legen hingegen weite Strecken zurück. "Die Natur hat das schon so eingerichtet", sagt Kurt Hussong. Um Inzest zu vermeiden und den Genpool zu durchmischen. Viel Platz ist in Stadt und Landkreis nicht mehr. Die Populationsdichte kann sich inzwischen sehen lassen – und Wanderfalken brauchen Raum. Gegen Artgenossen verteidigen sie ihr Revier äußerst resolut.

Dank der Federn, die sich in den Nistkästen finden, weiß Hussong auch, wovon die Vögel sich und ihre Brut ernähren: zum großen Teil von Tauben. Etwa 80 bis 100 vertilgt der Nachwuchs an einem Standort von Mitte April bis Juni, wenn die Jungen flügge werden. Auch Drosseln, Elstern, Möwen und Kleinvögel stehen auf dem Speiseplan.

Ziemlich keck schauen die jungen Wanderfalken aus dem Nistkasten am Steiner Schloss.


Anders als der Turmfalke, der sich Mäuse und andere Kleinsäuger am Boden greift, schlägt der Wanderfalke seine Beute ausschließlich im Flug: Der schnellste Vogel der Welt kann im Sturzflug aus großer Höhe Geschwindigkeiten von über 300 Kilometer pro Stunde erreichen.

2017 ist ein gutes Jahr für Fürths Wanderfalken. Zwar schlüpfte in Burgfarrnbach nur ein Jungvogel, dafür sind es in Veitsbronn drei und in Stein, Cadolzburg und der Paulskirche sogar vier. Kurt Hussong erinnert sich noch daran, wie er vor fast 40 Jahren zum ersten Mal gezüchtete Jungfalken ausgewildert hat. Mit Hilfe der Fürther Bergwacht setzte er sie an einer Felswand am Main in die Brutstätte eines Paares, das den unverhofften Nachwuchs klaglos adoptierte.

"Wir hatten damals größte Zweifel, ob der Wanderfalke noch zu retten ist", sagt er. Jetzt in die Nistkästen in Stadt und Landkreis zu schauen und pralles Leben zu entdecken, das sei, so Hussong, "einfach wundervoll".

Am Sonntag beim Tag der Artenvielfalt an der Kleinen Mainau (10 bis 17 Uhr) stellt u.a. der Landesbund für Vogelschutz seine Arbeit vor. Dabei gibt es auch Informationen über Wanderfalken.

JOHANNES ALLES

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