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Fürther Ärzte zum Corona-Test für alle: "Ich halte davon nichts"

Das Echo fällt gemischt aus - Sinnvoll nur in bestimmten Fällen? - 04.07.2020 16:00 Uhr

Seit Mittwoch können sich alle Bürger in Bayern mittels Rachenabstrich auf das Coronavirus testen lassen. Das Angebot ist umstritten.

© Foto: Jens Büttner/dpa


Seit Mittwoch kann jeder Bürger in Bayern auch ohne einschlägige Symptome prüfen lassen, ob er mit dem Sars-CoV-2-Virus infiziert ist oder nicht. Auf rege Nachfrage stieß das Angebot zum Auftakt allem Anschein nach nicht. Zumindest ergaben das stichprobenartige Gespräche mit hiesigen Ärzten.


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Dr. Franz Jobst beispielsweise gibt an, bei ihm habe am ersten Tag kein einziger Patient um den neuen Service gebeten. "Und ich halte davon auch überhaupt nichts", stellt der Fürther Allgemeinmediziner klar, der auch Vorsitzender des Ärztenetzes ist, zu dem sich mehr als 260 niedergelassene Mediziner aus Stadt und Landkreis Fürth zusammengeschlossen haben. Reihentests in Altenheimen oder Krankenhäusern könnten durchaus sinnvoll sein, sagt er. Ungezielte Tests auf Wunsch aber hält er auch mit Verweis auf mögliche falsche Ergebnisse für "Unsinn". Es rieten ja auch das Robert-Koch-Institut und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn davon ab.

Auch sein Stellvertreter im Ärztenetz, Dr. Richard Sohn, zeigt sich reserviert. Den Rachenabstrich auf Wunsch, ohne Symptome und Kontakt zu Infizierten, findet Sohn schon aus Kapazitätsgründen "nicht sinnvoll". Seines Erachtens besteht bei steigender Nachfrage die Gefahr, dass Patienten länger auf die Ergebnisse begründeter und dringlicherer Corona-Tests warten müssten. Aktuell sei die Zeitspanne zwischen der Abstrich-Abnahme bis zur Ergebnisverkündung kurz. Wer am Montagmorgen in die Praxis komme, könne am Dienstagmorgen erfahren, ob er sich angesteckt hat.

"Ein großzügiges Angebot"

Einen Test ohne äußeren Anlass hat am Mittwoch auch in der Gemeinschaftspraxis, die Sohn zusammen mit einem Kollegen betreibt, erst einmal niemand haben wollen. Doch könne sich das, sagt Sohn, natürlich nach und nach ändern. Nach dem Corona-Fall in der Kita der Auferstehungskirche kamen diese Woche einige betroffene Familien und baten um Abstriche. In solchen Fällen hält der Mediziner das auch für sinnvoll.


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Der Zirndorfer Kinder- und Jugendarzt Dr. Michael Hubmann, der während des Katastrophenfalls die Funktion des Versorgungsarztes im Landkreis Fürth innehatte und zuletzt an manchen Tagen bis zu 16 Kita- oder Schulkinder schon "beim kleinsten Husten" testete, betrachtet Bayerns Sonderweg bei den Corona-Tests wohlwollend. Das Land, findet er, mache mit diesem Baustein in der Gesamtstrategie "ein großzügiges Angebot" und übernehme dafür finanzielle Verantwortung. "Der bayerische Staat macht hier viel für seine Bürger."

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Ein positiver Aspekt, den Hubmann den Corona-Tests für alle abgewinnt, ist psychologischer Natur. Als Arzt komme man so ins Gespräch mit Patienten, die sich um ihre Gesundheit sorgen. Das Testergebnis gebe ihnen immerhin für den Moment Sicherheit.

Richard Sohn befürchtet eher, dass sich die Patienten "in falscher Sicherheit" wiegen könnten, eben weil jeder Abstrich nicht mehr und nicht weniger sei als eine Momentaufnahme. Er und Jobst betonen, dass sie bisher schon "großzügig" testen, ihren Patienten aber durchaus erklären, wie sie die Dinge sehen. Letztlich aber verfahren beide nach der Devise: Wer den Corona-Test unbedingt will, soll ihn haben.

In den Praxen zieht das neue Angebot für alle einen gewissen Verwaltungsaufwand nach sich. Weil nicht die Kasse, sondern der Freistaat die 16,53 Euro für den Test auf Wunsch bezahlt, ist er gesondert abzurechnen. Laut Jobst müssen alle Abrechnungspositionen "händisch" erfasst werden.

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Schon deshalb, weil mancher Arzt selbst zur Risikogruppe gehört, bietet nicht jede Praxis Corona-Tests an. Hubmann empfiehlt, beim eigenen Hausarzt nachzufragen, der dann einen Kollegen benennen können sollte. Im Fall des Falles könne man auch beim Ärztlichen Kreisverband in Fürth, Telefon (09 11) 78 05 99 99 nachfragen.

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