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Fürther Ausnahmeathlet im Rampenlicht

Stadtmuseum erinnert an den vor 100 Jahren geborenen Olympiasieger Alfred Schwarzmann - 11.04.2012 16:00 Uhr

Sportwissenschaftlerin Dr. Swantje Scharenberg (li.) und Helma Schwarzmann, Tochter des in Fürth geborenen „Jahrhundertturners“ Alfred Schwarzmann, vor einer Vitrine mit drei olympischen Goldmedaillen.

09.04.2012 © Goecke


Schwarzmann war bis zu seinem Tod im Jahr 2000 Mitglied beim TV 1860, dem er mit 14 Jahren offiziell beigetreten war. Gefördert von seinem Vater, einem Oberturnwart beim TV, hatte er dort bereits zuvor eine mehrjährige sportliche „Grundausbildung“ erhalten, berichtet Scharenberg. Mit 16 entscheidet sich der vielseitig begabte Nachwuchsathlet für das Turnen. Trainiert wird lediglich zweimal in der Woche. Offenbar reicht das: Nach nur zwei Jahren nimmt Schwarzmann zum ersten Mal an einer Deutschen Meisterschaft teil.

Wie viele heutige Leistungssportler verpflichtet sich Schwarzmann beim Militär, um seinen sportlichen Ambitionen weiterhin nachgehen zu können: Im April 1933 tritt der gelernte Konditor in die Reichswehr ein. 1934 wird er als Kaderathlet an die Heeressportschule in Wünsdorf bei Berlin berufen. Im gleichen Jahr gewinnt Schwarzmann die Kampfspiele in Nürnberg und siegt bei den Deutschen Meisterschaften in Dortmund.

Kunstturner Alfred Schwarzmann in den 1930er Jahren.

10.04.2012 © Stadtarchiv Fürth


Der große Durchbruch kommt bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin: Schwarzmann erringt drei Gold- und zwei Bronzemedaillen. Damit rückte er in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit: „Er wurde zum Herold der deutschen Turnerschaft“, so die Sportwissenschaftlerin im Rückblick. „Wenn auch zu einem stummen: Alfred Schwarzmann äußerte sich nicht öffentlich.“ Vorgesetzte stufen den Vorzeigeturner als „schlicht, bescheidend, sogar zurückhaltend“ ein. Der völlig unpolitische, allein den Idealen der Turnerbewegung verschriebene Athlet macht dennoch wegen seiner sportlichen Erfolge beim NS-Militär Karriere.

Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, bekleidet Schwarzmann den Rang eines Oberleutnants. Er dient inzwischen bei den Fallschirmjägern, die als Eliteeinheit gelten. Während eines Einsatzes 1940 in den Niederlanden, bei dem er schwer verwundet wird, zeichnet sich Schwarzmann durch Mut und Entschlossenheit aus — Tugenden, die er durch das Turnen erworben hat. Er wird zum Major befördert und erhält das Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz. Damit ist in der öffentlichen Darstellung aus dem Vorzeigeathleten nun ein hochdekorierter Kriegsheld geworden, ein Bild, das Schwarzmann sein Leben lang verfolgen wird.

Kriegsheld und Turner des Jahrhunderts

Denn nach Kriegsende wird die militärische Tapferkeitsauszeichnung von vielen als Beweis allzu großer Nähe zum Nazi-Regime gewertet — „ein Fehlschluss“, verteidigt ihn die Wissenschaftlerin. In seiner Geburtsstadt Fürth kann Schwarzmann deshalb nach seiner Heimkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft beruflich nicht Fuß fassen – die Stadt verweigert ihm eine Anstellung als Sportlehrer. „Eine Frechheit“, empört sich noch heute einer der alten Sportkameraden, der zum Vortrag im Stadtmuseum erschienen ist.

Zum alten Eisen zählt der Ausnahmeathlet, der inzwischen auf die 40 zumarschiert, aber noch lange nicht — trotz insgesamt neun schwerer Kriegsverletzungen und eines Unfalls gelingt es Schwarzmann, den Anschluss an die Weltspitze zu halten. Freilich ist seine Karriere zunächst einmal unterbrochen: Wie alle deutschen Athleten hat er in der Nachkriegszeit ein Startverbot bei internationalen Wettkämpfen.

Erst 1952, bei den Olympischen Spielen in Helsinki, gelingt Schwarzmann ein aufsehenerregendes Comeback. Mit 40 Jahren ist er der zweitälteste Teilnehmer. Dennoch gewinnt er „mit einer absolut neuen, schwierigen Kombination von Übungsteilen“ am Reck die Silbermedaille, für ihn die Krönung seiner Karriere. 1999, ein Jahr vor seinem Tod, wählten deutsche Journalisten im Sportmagazin kicker Schwarzmann zum „Turner des Jahrhunderts“. „Er hat diese Auszeichnung mit gemischten Gefühlen aufgenommen“, erzählt Scharenberg. „Besonders mit der Instrumentalisierung seiner turnerischen Leistungen während des Dritten Reiches wurde er nicht fertig.“

Johannes Goecke

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