Fürther Bücherei-Lockdown: "Wir sind maßlos enttäuscht"

29.11.2020, 10:00 Uhr
Krimis, Romane und Kinderbücher: Carola Sanewski hat am Freitag noch einmal die Gelegenheit genutzt, sich für die kommenden Wochen mit ausreichend Lesestoff zu versorgen.

© Foto: Hans-Joachim Winckler Krimis, Romane und Kinderbücher: Carola Sanewski hat am Freitag noch einmal die Gelegenheit genutzt, sich für die kommenden Wochen mit ausreichend Lesestoff zu versorgen.

Für Fürths Bürgermeister Markus Braun, zugleich Referent für Schule, Bildung und Sport, ist die Entscheidung völlig unverständlich: "Für uns kommt das vollkommen überraschend, wir sind maßlos enttäuscht, dass ohne Ankündigung oder Begründung den Kommunen gegenüber nun auch noch wichtige Bildungseinrichtungen schließen müssen. Man hat den Verdacht, dass man in Bayern noch etwas finden musste, um noch genauer als alle anderen zu sein."

"Schwer nachvollziehbar"

Zwar hat sich landesweit rasch Protest geregt, am Freitag wurde noch einmal verhandelt, doch ein Erfolg scheint unwahrscheinlich. Verheerend findet Braun den Zeitpunkt: "Wir waren froh, dass im November offenbar erkannt wurde, dass Volkshochschule und Volksbücherei wichtig sind. Dass jetzt, wo die Menschen mehr Zeit haben und dankbar sind für Literatur und Bücher, die Büchereien schließen, ist schwer nachvollziehbar. Wir würden es als Kommune gerne verstehen, aber von Seiten der Landesregierung gibt es keinerlei Kommunikation dazu."

Dabei waren Bibliotheken bislang ganz unverdächtig, zur Ausbreitung des Virus beizutragen. Das Hygienekonzept in Fürth gab bislang keinen Grund zum Klagen.

Bei einem Gang durch die Bücherei-Zweigstelle in der Fronmüllerstraße fällt das auch auf. Gläserne Schutzwände sind dort aufgestellt, durch die offenen Fenster weht ein kühler Luftzug, an den PC-Plätzen riecht es ein wenig nach Desinfektionsmittel und Rundgänge weisen den Weg durchs Haus. Außerdem kommt jedes Buch nach seiner Rückkehr vom Kunden erst einmal 24 Stunden lang in Quarantäne, bevor es nach der üblichen Erfassung und Reinigung zurück ins Regal wandert.

Zuwachs von zwölf Prozent

Der harte Einschnitt kommt in einem Jahr, in dem viele Menschen offenbar gerne lesen: Die Nutzung von Büchern ist im Vergleich zur Zeit vor der Corona-Pandemie in der Gesamtbevölkerung um zwölf Prozent gewachsen, stellte die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Oktober fest.

Noch vor wenigen Tagen sagte Volksbücherei-Leiterin Christina Röschlein: "Bei uns ist aktuell viel los. Wir spüren, dass die Menschen unglaublich froh sind, dass sie in die Bücherei dürfen, besonders seit alle Kulturveranstaltungen ausfallen."


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Während man im ersten Lockdown eine Komplettschließung erdulden musste, nahm die Nachfrage seit September deutlich zu, um bis zu acht Prozent im Vergleich zu den Vormonaten.

Was auffällt: "Wir merken einen klaren Anstieg bei lokalen und heimischen Reiseführern", erzählt Röschlein. Beliebt sind Titel wie "Waldpfade Nürnberg" oder Tipps für Touren in Nürnberg, Fürth und Erlangen. "Die klassischen Reiseführer stehen dagegen in den Regalen, die leiht kaum jemand aus."

Digital-Rekord wurde gebrochen

Weitere Gewinner sind Ratgeber für Handarbeiten – und Hundebücher. "Möglicherweise gibt es in Fürth durch Corona deutlich mehr Hundebesitzer als im Jahr zuvor."

Zumindest beschert die aktuelle Krise Zeit, um über die Welt und das eigene Handeln nachzudenken. Passend dazu sind auch Biographien und Bücher über Nachhaltigkeit oder gesunde Ernährung gefragt.

Vieles davon wird in der Zwischenzeit digital gelesen. Immer mehr Fürther entscheiden sich für die Onleihe, also das Ausleihen von E-Books, natürlich auch dank Corona.


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"Wir haben bereits im Oktober unseren bisherigen Digital-Rekord gebrochen", sagt Röschlein. "Dabei geholfen hat auch, dass wir im März und April kostenlose Tests unserer E-Books angeboten haben, viele Kunden davon haben dann einen regulären Bibliotheksausweis beantragt."

Doch das alles ersetzt nicht den persönlichen Kontakt, auf den man bei der Volksbücherei großen Wert legt. Röschlein: "Wir sehen uns als sozialen Raum, als einen Ort, an dem man sich trifft und austauscht, lernt oder liest. Besonders unsere Zweigstellen sind sehr familiär geprägt. Das fehlt uns sehr. Dass wir nun schließen müssen, macht uns traurig."

Ein To-Go-Betrieb?

Aktuell denkt die Leiterin darüber nach, ob ein "To-Go-Betrieb" eingerichtet wird oder die Kunden auch im Dezember ihre bereits bestellten Bücher abholen können – doch auch Röschlein wurde von der Ankündigung eiskalt erwischt und muss nun zunächst einen Plan erarbeiten. "Gerade in dieser Zeit, ist Zuhause-Bleiben und Bücher-Lesen eigentlich genau das Richtige und kann auch ablenken und ermutigen."


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Immerhin eine positive Nachricht hat Christina Röschlein: "Unsere Kunden halten uns die Treue. Und wir wollen ihnen wieder einen Ort der Begegnung und des Zusammenseins schaffen."

Was das Team in diesem Jahr schmerzlich vermisst hat, waren die Veranstaltungen. Sie mussten bis auf wenige Ausnahmen ausfallen. Knapp 200 waren das in diesem Jahr.

Bis zum Frühjahr 2021 plant die Vobü nicht mit neuen Veranstaltungen, und auch dann ist ein Umdenken angesagt, denn die Veranstaltungen werden sicher nicht einfach wie vor der Pandemie aussehen.

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