Sonntag, 19.01.2020

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Fürther Polizeichef: So ein Stein kann tödlich sein

Peter Messing hätte sich vor Ort ein Zeichen des Bündnisses gegen Gewalt gewünscht - 06.11.2013 09:00 Uhr

„Die Rolle der Polizei wird falsch verstanden“: Dutzende Beamte — hier eine Gruppe an der Adenaueranlage — waren am Samstagabend bei der Neonazi-Demo im Einsatz. © nn


Peter Messing war am Montag wieder im Dienst. Es hätte auch ganz anders kommen können: „Offensichtlich habe ich einen guten Schutzengel gehabt“, sagte er auf FN-Nachfrage. Und wurde rasch deutlich: „Wenn es dumm ausgeht, kann man mit so einem Stein, geworfen aus einer so kurzen Distanz, jemanden umbringen.“

Fürths Polizeichef war am Samstagabend von einem Stück Gehwegplatte getroffen worden. Wer dahinter steckt, ist noch völlig unklar; laut Polizei kam der Stein aus der Menge der Gegendemonstranten. Er traf Messing gleich zu Beginn des Einsatzes, als er gerade dabei war, dem Initiator der Kundgebung, dem Stadelner Neonazi Matthias Fischer, mitzuteilen, welche Beschränkungen gelten sollten.

Messing sackte zu Boden, mit einer größeren Platzwunde wurde er ins Klinikum gebracht. „Ich habe absolutes Glück gehabt“, sagte er so erleichtert wie ernst. Das dreieckige Stück Betonplatte sei nicht gerade klein gewesen, die Kanten waren ihm zufolge etwa 15 Zentimeter lang: „Mit so einem Stein aus fünf bis acht Metern auf jemanden zu werfen, das ist höchst kriminell.“

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Neonazi-Demo in Fürth hält Polizei in Atem

30 Rechtsextreme versammelten sich am Samstagabend in der Rudolf-Breitscheid-Straße in Fürth, um für die getöteten Gleichgesinnten in Griechenland eine "Mahnwache" zu halten. Den Neonazis standen rund 100 Gegendemonstranten gegenüber.




Zum ersten Mal habe er so etwas erlebt; laut Polizei flogen zudem mindestens zwei weitere Steine, die Beamte trafen. „Mit demokratischem Protest“, betont Messing, „hat das absolut nichts zu tun.“ Und er verhehlt nicht, dass er sich gewünscht hätte, dass sich das Bündnis gegen Rechtsextremismus und Rassismus deutlicher davon distanziert. Zwar hätten mehrere Vertreter ihr ehrliches Bedauern ausgedrückt, doch er hat etwas vermisst: „Schon vor Ort, wenn Gewalt angewandt wird, unabhängig von meiner Person, müsste man in so einer Situation ein bisschen ein Zeichen setzen“, meint er. Gerade ein Bündnis, das gesellschaftlich so breit aufgestellt ist. Dem Bündnis gehören neben jungen Leuten aus der linken Szene unter anderem die Kirchen, Parteivertreter, Gewerkschaftler und Vertreter von Jugendeinrichtungen an.

Als Feind betrachtet

Leider werde die Polizei von manchen Gegendemonstranten aus dem linken Lager als Feind betrachtet, sagt Messing. Da werde die Rolle der Polizei nicht verstanden: „Wenn eine Gruppe, die nicht verboten ist, friedlich und ohne Waffen demonstriert, müssen wir dieses Grundrecht durchsetzen.“

Polizeisprecher Peter Schnellinger ergänzt: Oft werde gerade das Tragen von Helmen und Schutzkleidung bei Demonstrationen als Provokation empfunden. Der Vorfall zeige, warum die Ausrüstung nötig sei: „Auch diese Polizisten haben Familien und Kinder, zu denen sie unversehrt nach Hause kommen wollen.“

Inakzeptabel hat am Sonntag Oberbürgermeister Thomas Jung die Gewalt gegen Polizisten genannt. Auch Innenminister Joachim Herrmann (CSU) verurteilte die Steinwurf-Attacke scharf. Genau so kritisch sehen das auch der evangelische Dekan Jörg Sichelstiel und die Linken-Politikerin Anny Heike, ehemaliges Vorstandsmitglied der IG Metall in Fürth, die beide dem Bündnis angehören: „Steinwürfe auf Demos habe ich mein Leben lang verurteilt“, sagt Heike. Die Wut im Bauch, wenn Neonazis demonstrieren, verstehe sie - doch das dürfe nicht zu Aktionen führen, die andere in Gefahr bringen. Zudem schwächen derartige Vorfälle das Engagement der vielen friedlichen Gegendemonstranten. „Viele Ältere werden dann nicht mehr hingehen.“



Die Sprecherin des Bündnisses, Ruth Brenner, kündigte an, dass man in einer Sitzung am Mittwoch über den Vorfall sprechen werde. Einer gemeinsamen Stellungnahme wollte sie nicht vorgreifen.
 

Claudia Ziob/ib

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