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Fürther Rösterei träumt vom Inklusionsbetrieb

Lapuzia-Team möchte Menschen mit Behinderung in die Produktion einbinden - 25.10.2017 23:00 Uhr

In den Dambacher Werkstätten der Lebenshilfe unterhalten sich Kaffeeröster Jürgen Liedtke (von links) und Werkstättenleiter Rolf Bidner mit dem Verpackungsteam. Foto: Hans-Joachim Winckler


Jürgen Liedtke ist nicht nur ein erfolgreicher Geschäftsmann, er hat auch Ideale. Auf Bio-Qualität legt er ebenso Wert wie auf fairen Handel. Zusammen mit dem Fürther Welthaus unterstützt er mit fair gehandeltem Fürth-Kaffee maßgeblich die Bemühungen der jungen Fairtrade-Stadt. Das Bundesteilhabegesetz – es basiert auf der 2009 in Deutschland in Kraft getretenen UN-Behindertenrechtskonvention – hat den 54-jährigen ehemaligen Unternehmensberater heuer ermutigt, seinem Geschäftsprofil neben den Stempeln Bio und Fair auch noch das Merkmal der Inklusion aufzudrücken.

Bei den Behörden beißt er mit seiner Bitte um Förderung auf Granit. Offene Türen rannte er jedoch beim Leiter der Fürther Lebenshilfe-Werkstätten, Rolf Bidner, ein. Seit August lässt Liedke seinen an der Adenaueranlage gerösteten Kaffee in den Dambacher Werkstätten verpacken. Betreut wird das Projekt von Gruppenleiterin Nicole Reith, einst Betreiberin der Columbia Bakery am Königsplatz. Der Plan, den Kaffee auch gleich in den Werkstätten zu rösten, scheiterte am fehlenden Platz dort.

Es gibt Bedarf

So machte sich Liedtke auf die Suche nach einem eigenen Standort für einen Inklusionsbetrieb. "Jeder riet mir von diesem unternehmerischen Wagnis ab", erinnert sich der Geschäftsmann. Was ihn trotzdem ermutigte, war die Tatsache, dass es nach seinen Erkenntnissen echten Bedarf an solchen Arbeitsstätten gibt und die gesetzlichen Rahmenbedingungen inzwischen geschaffen sind.

In Fürth selbst wurde er nicht fündig. Doch durch Vermittlung der Industrie- und Handelskammer kam der Kontakt nach Langenzenn zustande, wo ein 2000 Quadratmeter großes Grundstück genug Platz für das Projekt bietet. Hier möchte Liedtke ein zweistöckiges Betriebsgebäude mit 800 Quadratmetern Nutzfläche errichten. Neben einer Rösterei und dem Verpackungsbetrieb ist hier ein Bioladen geplant, in dem neben fair gehandeltem und inklusiv produziertem Kaffee auch selbst hergestellter Senf, Marmeladen, Soßen und Essig verkauft werden sollen. Darüber hinaus sieht der Businessplan auch einen Online-Vertrieb vor.

Kaffee-Seminare, Barista-Kurse und Koch-Events für Menschen mit und ohne Behinderung sollen ebenso zum Profil des Projekts Lapuzia Verde gehören wie die Ausbildung von Nachwuchskräften. Starten will Jürgen Liedtke in der Langenzenner Dependance zunächst mit sechs Mitarbeitern, drei davon mit Behinderung. Sie sollen im Bereich Verpackung, Etikettierung, Logistik und produktionsbegleitende Arbeiten eingesetzt werden.

Die behindertengerechte Gestaltung des Betriebs einschließlich spezieller Sozial- und Sanitärräume kostet eine Menge Geld. Allein den Mehraufwand für barrierefreies Hofpflaster beziffert Liedtke auf 50 000 Euro. Klar ist ihm auch, dass seine Umsatzrendite durch den Inklusionsbetrieb eher sinkt. Doch die Stärkung der eigenen Marktposition durch anspruchsvolle Spezialisierung ist ihm allemal wichtiger. Zudem gibt es ja Geldquellen. Doch die anzuzapfen, will gelernt sein. Schließlich müssen viele beteiligte Institutionen an einem Strang ziehen: Der Integrationsfachdienst und das Integrationsamt des Freistaates, die Arge, die IHK und die Aktion Mensch, die Zuschüsse für Gebäude gewährt.

Den Kapitalbedarf zum Aufbau seines Inklusionsbetriebs hat Liedtke auf 400 000 Euro geschätzt. Genug Fördermittel sind rein theoretisch vorhanden. "Rund 100 Millionen Euro Zwangsabgaben nimmt der Staat von Firmen ein, die keine Behinderten einstellen", erläutert Liedtke. Doch sein Bemühen um eine projektbezogene Anschubfinanzierung ist bislang nicht von Erfolg gekrönt. Heuer will er mindestens Klarheit darüber erhalten, was möglich ist. Die Wahrscheinlichkeit, in diesem Jahr noch das Startsignal zu bekommen, schätzt Liedtke auf 60 Prozent ein. Kein Grund für ihn, den Kopf hängen zu lassen. Es habe schließlich schon mal schlechter ausgesehen. 

Volker Dittmar

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